Vorbilder – und der Kampf gegen Elektroschrott

Montag, 01. August 2022
Foto: Unternehmen

Jeder Deutsche hinterlässt pro Jahr fast 20 Kilogramm Elektroschrott. rebuy, Pionier im Segment für gebrauchte Elektronik und gebrauchte Medien, will dieser Ressourcen-verschwendung den Kampf ansagen. Das Markant Magazin spricht mit CEO Dr. Philipp Gattner in dem Kontext über eine nachhaltige Verhaltensänderung und Vorbilder.

Wie sind Sie zum europäischen Marktführer für gebrauchte Elektronik und gebrauchte Medien geworden?
Dr. Philipp Gattner:
rebuy ist der ­Pionier im Segment für gebrauchte Elektronik und gebrauchte Medien; uns gibt es bereits seit 2004. Seitdem konnten wir viele Erfahrungen sammeln und haben unser Angebot kontinuierlich verbessert. Wir nutzen inzwischen Künstliche Intelligenz im Grading für Android und Apple Smartphones, deren Algorithmen kontinuierlich lernen. Dadurch ist die Beurteilung der Smartphones sehr zuverlässig. Gleichzeitig verbessern wir fortlaufend das An- und Verkaufserlebnis für unsere Kunden. Das sorgt für Sicherheit und Einfachheit im Verkaufsprozess. All das hat dazu geführt, dass wir bei unabhängigen Verbrauchertests regelmässig das Feld anführen und über die letzten Jahre stets eine zweistellige jährliche Wachstumsrate verzeichnen konnten.

Wieso haben Sie sich auf gebrauchte Elektronik spezialisiert?
Dr. Philipp Gattner:
Elektroschrott ist ein grosses Problem für unseren Planeten, an dem die westlichen Länder einen grossen Anteil haben. Allein in Deutschland fallen jährlich rund 20 Kilogramm Elektroschrott pro Kopf an. Und das obwohl die Mehrheit der Geräte durchaus noch länger hätte benutzt werden können. Als Gesellschaft haben wir uns aber daran gewöhnt, Geräte wie zum Beispiel Smartphones im Schnitt schon nach zwei Jahren auszutauschen. Sie verstauben dann in einer Schublade oder werden weggeworfen. Wir möchten den Menschen eine Möglichkeit bieten, um gebrauchte elektronische Geräte im Kreislauf zu halten. Denn jedes Gerät, das nicht neu produziert wird, spart wertvolle Rohstoffe und Energie und entlastet so unsere Umwelt.

Welchen Nutzen hat dabei der stationäre Handel?
Dr. Philipp Gattner:
Ein Rücknahmeangebot elektronischer Geräte seitens der Händler und eine transparente Kostenstruktur beim Reparaturangebot könnten ein Umdenken auf dem Markt hervorrufen. Vor allem der stationäre Handel könnte davon profitieren. Dazu kommt, dass wir bereits seit über zwei Jahren eine deutliche Knappheit bei vielen elektronischen Komponenten – und somit in der Folge auch an Neuware – verzeichnen. Refurbished – also wiederaufbereitete – Geräte könnten diese Lücke schliessen.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Circular Living?
Dr. Philipp Gattner:
Circular Living bedeutet nichts anderes als Kreislaufwirtschaft. Anstatt also ein Gerät frühzeitig zu entsorgen, wird es gegebenenfalls aufbereitet, weiter genutzt und so im Kreislauf gehalten. Dies lässt sich auf viele Produktkategorien anwenden: Von Kleidung über Bücher bis hin zu elektronischen Geräten. Wir bei rebuy haben es uns auf die Fahne geschrieben, es jeder und jedem zu ermöglichen, der Kreislaufwirtschaft beizutreten und dadurch einen individuellen Beitrag in puncto Nachhaltigkeit zu leisten.

Wie sorgen Sie für eine hohe Qualität der aufbereiteten Produkte?
Dr. Philipp Gattner:
Wir legen sehr grossen Wert auf Qualität, weil wir davon überzeugt sind, dass dieses Kriterium entscheidend ist, wenn es darum geht, noch mehr Menschen für die Kreislaufwirtschaft zu begeistern. Wir haben einen technischen Prozess entwickelt, im Rahmen dessen die von uns angekauften Produkte analysiert werden: das sogenannte Grading. Im Grading-Prozess arbeiten wir zunehmend mit automatisierten Verfahren, die überall dort eingesetzt werden, wo uns Menschen Fehler unterlaufen. Unser Grading-Center in Falkensee gehört europaweit zu den modernsten und innovativsten Einrichtungen der Branche. Hier kommen Roboter und Technologien zum Einsatz, die man sonst aus der Automobilindustrie kennt. Auch deshalb sind wir in der Lage, auf unsere Produkte eine 36-monatige Garantie zu geben.

Nutzen Sie Social Media für Ihren Kampf gegen Elektroschrott?
Dr. Philipp Gattner:
Unsere Kampagnen finden überwiegend in den sozialen Medien statt. Sie sind ein wichtiger Kanal für uns, da wir dort unsere Zielgruppe direkt erreichen. Unser Ziel ist es, die Menschen zum Nachdenken anzuregen und in den Dialog zu treten. Anhand der Kommentare und User-Reaktionen können wir direkt ablesen, wie unsere Botschaften aufgenommen werden. Durch unsere Social-Media-Kommunikation wollen wir unsere Community zu einem nachhaltigeren Lebensstil inspirieren. Jede einzelne Verhaltensänderung kann einen Unterschied machen. Wenn viele Menschen gemeinsam einen kleinen Beitrag leisten, dann wird am Ende auch viel bewegt.

Was braucht es, um Verbrauchern den Impuls zu geben, das eigene Verhalten zu verändern? Und welche Rolle spielen hierbei auch Vorbilder?
Dr. Philipp Gattner:
Der Schlüssel liegt sicherlich in der Aufklärung. Wenn einem bewusst wird, welchen positiven Effekt die eigene Teilnahme an der Kreislaufwirtschaft hat – und im Umkehrschluss, welche Auswirkungen das bisherige unreflektierte Verhalten mit sich gezogen hat – werden bestimmt viele ihr Verhalten ändern. Hier kommt Vorbildern eine wichtige Rolle zu, sie zeigen, wie es geht. Wenn wir sehen, wie andere Menschen positiv handeln, sind wir eher geneigt, ebenfalls etwas zu ändern. Darüber hinaus ist es wichtig, den Konsumenten Lösungen anzubieten, um möglichst einfach ihr Verhalten zu ändern und den Schritt Richtung Kreislaufwirtschaft zu machen. Jeder einzelne von uns sollte sich bei jeder Neuanschaffung fragen: Ist dieser Kauf notwendig oder nur eine Impulshandlung? Diese sogenannte «psychologische Obsoleszenz» ist ein relativ neues Phänomen, das in uns den Wunsch weckt, neue Dinge zu kaufen, obwohl keine Notwendigkeit dazu besteht. Wenn man sich dessen bewusst ist, ist der erste Schritt bereits getan.

Wie hat sich die Anzahl der Käufe und Verkäufe von gebrauchten Elektro-Produkten in den vergangenen Jahren entwickelt?
Dr. Philipp Gattner:
Über die vergangenen Jahre sind sowohl die Ankaufs- als auch Verkaufszahlen gerade bei den Elektroprodukten deutlich gestiegen, was uns in unserer Arbeit bestärkt: Der Trend geht zum aufbereiteten Gebrauchtgerät. Dasselbe gilt für Bücher und andere Medien. Allein im Jahr  2021 wechselten mehr als 13 Millionen gebrauchte Bücher und Medien über unsere Online-Plattform die Besitzer. Daneben verkaufte rebuy 2021 auch über 500 000 elektronische Geräte wie Smartphones, Laptops, Wearables und Kameras, auch hier Tendenz deutlich steigend. Die Nachfrage nach gebrauchten elektronischen Geräten ist sehr hoch. Wir könnten weitaus mehr Geräte verkaufen, wenn wir das Angebot hätten. Deswegen sind wir ständig auf der Suche nach neuen Bezugsquellen.

Welches Ziel haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?
Dr. Philipp Gattner:
Unser Ziel ist es, so vielen Menschen wie möglich einen Zugang zur Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen. Wir stehen für eine Welt, in der wir verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umgehen, damit auch die Generationen nach uns ein gutes Leben auf dieser Erde führen können. Die Aufbereitung und Wiederverwendung von Gebrauchtware ist dabei ein essenzieller Schritt.

Ursprünge

rebuy wurde im Jahr 2004 von Lawrence Leuschner ­und Marcus Börner gegründet, damals noch unter dem Namen «Trade-a-Game». Zu Beginn stand der Handel mit gebrauchten Konsolen-und Computerspielen im Vordergrund. Schon damals waren die beiden davon überzeugt, dass gute Gebrauchtware ein zweites Leben verdient hat. Einen massgeblichen Impuls haben sie damals durch ­Al Gores Film «An inconvenient truth» bekommen, der deutlich gemacht hat, dass ein Umdenken im Umgang mit Ressourcen stattfinden muss. Mit ihrer Recommerce-Idee waren sie damals echte Pioniere. Als das Portfolio um weitere Produktkategorien erweitert wurde, änderten die Gründer den Unternehmensnamen in «rebuy».

Steckbrief

Dr. Philipp Gattner startete in 2015 zunächst als Chief Sales Officer seine Karriere bei der rebuy recommerce GmbH («rebuy»). Vier Jahre später wurde er zum Geschäftsführer ernannt.

Gattner studierte von 2002 bis 2005 Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und ein Semester an der Singapore Management University. Von 2007 bis 2008 studierte er Development Management an der London School of Economics (LSE). Sein Doktorat absolvierte er von 2011 bis 2014 an der Universität Witten/Herdecke zum Thema Economic Development.

Seine berufliche Laufbahn startete er im Herbst 2005. Von Oktober 2005 bis September 2006 arbeitete Gattner bei Roland Berger Strategy Consultants, worauf er ein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Panama anschloss. Von 2008 bis 2015 war er als Berater bei der Unternehmensberatung McKinsey & Company tätig, bevor er dann bei rebuy einstieg.