Personalentwicklung

Montag, 10. August 2015
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Auch der Einzelhandel tut sich zunehmend schwer, seine offenen Stellen zu besetzen. Viele Unternehmen richten deshalb ihr Personalmanagement auf Zukunft aus. Ein Blick in die Praxis.

Ob auf dem platten Land, in Metropolregionen wie dem Rhein-Main-Gebiet oder in Hochpreis-Großstädten wie München - überall zeichnen die differenzierten Arbeitsmarktanalysen der regionalen Industrie- und Handelskammern ein ähnliches Bild: Nicht nur der Industrie, dem Handwerk oder dem Gesundheitswesen gehen die Mitarbeiter aus, sondern auch dem Einzelhandel. In einigen Regionen prognostizieren die IHKs dem Handel sogar die größten Probleme, in fünf bis zehn Jahren offene Stellen zu besetzen. Schon heute berichten landauf, landab viele Handelsunternehmen, dass sie ihre Stellen nicht komplett besetzen können. Vor allem in handwerklichen Berufen, etwa bei den Fleischern, in den IT- und Logistikabteilungen gibt es bereits heute Engpässe.

Die Belegschaften altern

"Schon bald werden die Einzelhändler in der Region die Konsequenzen der Veränderungen auf dem Arbeitsmark zu spüren bekommen", stellt die IHK Frankfurt fest. "Bereits in den nächsten Jahren wird die Zahl von jungen Arbeitskräften deutlich zurückgehen, die Belegschaften altern. Ab dem Jahr 2020 wird dann auch im IHK-Bezirk Frankfurt am Main das Erwerbspersonenpotenzial spürbar sinken. Diese Entwicklung wird die bereits heute bestehenden Schwierigkeiten des Einzelhandels verstärken, geeignetes Fachpersonal zu finden. 54 Prozent der Einzelhändler im Bezirk hatten in den vergangenen drei Jahren schon Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen."

Ortwechsel nach Oberbayern: Hier bilden die beruflich ausgebildeten Fachkräfte mit kaufmännischer Ausrichtung derzeit mit 930.000 Personen die größte Fachkräftegruppe. Mit 43.000 fehlenden Kaufleuten können laut IHK schon jetzt rund fünf Prozent der Stellen nicht besetzt werden. "Im Gegensatz zur steigenden Anzahl an Technikern sinkt das Angebot an Kaufleuten", berichtet die Kammer und erwartet im Jahr 2030 "den mit Abstand größten Mangel" bei den kaufmännischen Berufsgruppen: "103.000 Stellen, das sind 15 Prozent, können nicht besetzt werden".

Alle diese Prognosen fußen unter anderem auch auf dem demografischen Wandel, der Alterung der Gesellschaft. Aktuell verabschieden sich die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand, was durch die vorgezogene Rente noch beschleunigt wird. Das Institut der Deutschen Wirtschaft weist darauf hin, dass 27 Prozent der Bundesbürger im Jahr 2030 das 65. Lebensjahr erreicht haben.

Globus: Am Erfolg beteiligen

Vor diesem Hintergrund stellen viele Unternehmen im Handel die Weichen für die Zukunftssicherung ihres Mitarbeiterstabes. Das Maßnahmenbündel ist oft weit gefasst und reicht von der Einarbeitung und Integration benachteiligter Jugendlicher in das Unternehmen über ein umfassendes Weiterbildungsangebot der Mitarbeiter bis hin zur Sicherung des akademischen Nachwuchses mit Praktika, dualem Studium und Trainees. Bei der Förderung und Beschäftigung von Migranten spielen deutsche Handelsunternehmen längst eine Führungsrolle - inzwischen aber auch bei Flüchtlingen. "Wir geben Flüchtlingen die Möglichkeit, durch Praktika oder Einstiegsqualifikationen Berufserfahrung zu sammeln", sagt Frauke Tönsing, Ausbildungsreferentin bei der Bartels-Langness Handelsgesellschaft in Kiel.

Viele Unternehmen reagieren mit ausgefeilten Strategien und zusätzlichen Leistungen, um bei Mitarbeitern und Führungskräften zu punkten. Dazu gehören beispielsweise flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, Dienstwagen, eine gute betriebliche Altersversorgung oder auch Beteiligungen am Unternehmen. So bietet Globus seinen Mitarbeitern bereits seit 1990 die Möglichkeit, sich an der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens zu beteiligen. Seit der Einführung ist die Anzahl der stillen Beteiligten auf etwa die Hälfte aller Globus-Mitarbeiter in Deutschland gestiegen. Für seine familienorientierte Mitarbeiterpolitik hat Globus zahlreiche Auszeichnungen erhalten und trägt seit 2008 das Zertifikat „berufundfamilie“. Im November 2014 wurde Globus als eines von acht Unternehmen als „Rheinland-Pfalz‘ attraktiver Arbeitgeber“ ausgezeichnet.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

In Zeiten des Fachkräftemangels seien Themen wie flexible Arbeitszeiten, Gesundheitsmanagement sowie interessante Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten von herausragender Bedeutung, besonders in der Handelsbranche, betont Petra Kannengießer, bei Globus deutschlandweit verantwortlich für das Projekt „Beruf und Familie“. Kannengießer: „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist heutzutage sehr wichtig. Sie kann nur gelingen, wenn der Arbeitsplatz im Einklang mit dem Familienleben steht." Deshalb hat bei Globus jeder Mitarbeiter sein eigenes Arbeitszeitmodell. "Bei uns arbeiten sehr viele in Teilzeit beschäftigte Frauen. Gerade sie profitieren von den flexiblen Arbeitszeiten", so Petra Kannengießer.

Nachwuchs ist rar

"Die Handelsbranche tut sich schwer, Nachwuchs zu finden, vor allem wegen des Eindrucks, nicht familienfreundlich zu sein", konstatiert Bernhard Meiser von der IHK Koblenz, der Globus für den Preis vorgeschlagen hatte. "Für uns ist Globus ein hervorragendes Beispiel, das es doch geht. Zudem bietet Globus all seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hervorragende Aus- und Weiterbildungsangebote. Das was für uns ein zusätzlicher Pluspunkt.“ Die Auszeichnung „Rheinland-Pfalz‘ attraktive Arbeitgeber“ geht auf eine Initiative des Wirtschaftsministeriums im Rahmen der Landesstrategie zur Fachkräftesicherung in Rheinland-Pfalz zurück

Konzept bei Rossmann

Das Drogeriemarktunternehmen Rossmann setzt einen Schwerpunkt der Mitarbeiterbindung bereits bei der Ausbildung. Schon seit dem Jahr 2000 werden am Firmensitz in Burgwedel die sogenannten "Begrüßungstage" für die neuen Azubis organisiert. Dabei zeichnet Unternehmer Dirk Roßmann die besten Azubis des jeweiligen Abschlussjahrgangs auf der Bühne mit einem Preis aus. Ziel dieser Veranstaltungen ist neben dem Willkommenheißen die Motivation der jungen Menschen, im Unternehmen ihren Weg zu gehen und ihnen eine langfristige Perspektive aufzuzeigen. Rund 4.000 Azubis haben seither bei Rossmann ihre Ausbildung absolviert. Zehn Prozent von ihnen sind heute in Führungspositionen als Verkaufsstellenverwalter oder Stellvertreter im Einsatz. Und es werden immer mehr. Seit drei Jahren gibt Rossmann zudem bei guten Leistungen eine Übernahmegarantie für unbefristete Vollzeitstellen. Die Attraktivität als Arbeitgeber hat sich offenbar herumgesprochen. Auf dem Internetportal www.rossmann.de finden Bewerber ein großes Karriereportal. Nach Darstellung von Rossmann gingen allein hier im vergangenen Jahr rund 120.000 Bewerbungen ein.

Auch dm Drogeriemarkt setzt bereits beim Nachwuchs an, um sich gegen künftige Personalprobleme zu wappnen. So fanden im Februar in allen mehr als 1.600 dm-Märkten die "Aktionswochen Erlebnis Ausbildung" statt. Schüler, Eltern und Lehrer können bei diesen jährlichen Veranstaltungen das Unternehmen und seine neun Ausbildungsberufe und fünf Studiengänge im Detail kennen lernen. Darüber hinaus beantworten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Märkten, insbesondere die Lehrlinge, alle Fragen rund um das Thema Ausbildung bei dm.

Große Karrierechancen

Überall in Deutschland hat der Einzelhandel sein Angebot an Ausbildungsstellen weiter ausgebaut. Das zeigen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Demnach meldeten die Unternehmen der Branche 4,5 Prozent mehr Ausbildungsplätze für Kaufmänner/Kauffrauen im Einzelhandel als im Vorjahr. Bei den Verkäufern liegt das Plus bei 3,5 Prozent. „Die Zahlen zeigen, dass der Einzelhandel seiner gesellschaftlichen Verantwortung bei der Ausbildung gerecht wird und den Fachkräftebedarf des Handels durch gute Ausbildungsleistungen decken will. Die Karrierechancen in der Branche sind groß, über 80 Prozent der Führungskräfte kommen aus den eigenen Reihen“, kommentiert HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth diese Entwicklung.

3 Fragen an

Andreas Steinle, Geschäftsführer Zukunftsinstitut Workshop GmbH in Frankfurt/Main

Was müssen und können Handelsunternehmen heute tun, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen?
Neben der Pflicht, selber mehr auszubilden, geht es vor allem um das Aufzeigen von Perspektiven. Die Generation Y und ihre Nachfolger betrachten die Arbeit als Entfaltungsraum. Sie gehen dorthin, wo sie das Gefühl haben, das meiste aus ihren Talenten herausholen zu können.

Welche konkreten betrieblichen Maßnahmen tragen nach Ihrer Erfahrung am ehesten dazu bei, die Mitarbeiterbindung zu festigen?
Anstatt sich so viele Gedanken zu machen, wie man Mitarbeiter motiviert, sollte man einfach aufhören, sie zu demotivieren. Das bedeutet: mehr zuhören, mehr Feedback geben und mehr Freiheiten gewähren. Auch was Karrierepfade anbetrifft – die Chance, auch ungewöhnliche Wege gehen zu können.

Was müssen Weiterbildungsmaßnahmen leisten, um von den Mitarbeitern auch angenommen zu werden?
Sie müssen vor allem an den Talenten der Mitarbeiter und nicht an ihren Defiziten ansetzen. Dann macht Weiterbildung auch Spaß, was die Grundlage für den Lernerfolg ist. Und wofür jemand brennt, kann jeder am besten für sich selber sagen. Das heißt, jeder Einzelne sollte selber entscheiden können, wie er sich weiterbilden möchte.

Info

HDE: Neue Konzepte gefragt: Um dem Einzelhandel auch in Zukunft die Einstellung einer ausreichenden Zahl von Fachkräften zu ermöglichen, müssen laut HDE noch große Herausforderungen bewältigt werden.
„Wir brauchen mehr qualifizierte Zuwanderung, eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren, die Nachqualifizierung bislang formal nicht Ausgebildeter sowie den weiteren Ausbau der Weiterbildung“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Angesichts der demografischen Entwicklung seien außerdem eine kinderfreundliche Politik, die bessere Verbindung zwischen Berufs- und Familienarbeit durch flexible Arbeitszeitmodelle und deutlich mehr Investitionen in ein qualitativ hochwertiges, leistungsorientiertes und durchlässiges Bildungssystem unerlässlich.