Milchmarkt: Quo vadis?

Dienstag, 07. April 2015
Foto:Privat

Dr. Therese Haller hat im Rahmen ihrer Anstellung an der Berner Fachhochschule, Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften eine Studie für das European Milk Board erstellt. Inzwischen ist die Agrarwissenschaftlerin als unabhängige Expertin tätig. Die Studie gibt es unter www.theresehaller.ch

Frau Dr. Haller, die Deregulierung des Milchmarktes hat in der Schweiz zu einem Verfall der Milchpreise sowie zu einer Marktkonzentration auf Seiten der milchverarbeitenden Industrie geführt; viele Bauern sind aus der Milchproduktion ausgestiegen. Wird es dieses Szenario auch in Deutschland geben?
Von so starken Auswirkungen gehe ich für Deutschland nicht aus. Während des Zeitraums, den die Schweiz für den Übergang zum Ausstieg aus der Mengenregulierung vorgesehen hatte, stieg 2007/08 auf dem Weltmarkt der Preis an. Das hatte man nicht vorhersehen können. So erfolgte ein großer Teil des Mengenwachstums in einem Umfeld steigender Preise. Unter normalen Bedingungen hätte ein Preisrückgang dieses Mengenwachstum gebremst. So fielen dann die Preissenkung infolge einer Normalisierung auf dem Weltmarkt mit derjenigen aufgrund der Liberalisierung im Schweizer Milchmarkt zusammen. Also alles andere als eine sanfte Landung, wie man sie sich für den EU-Milchmarkt wünscht. Aber ich rechne auch in Deutschland mit gewissen Veränderungen.

Wem wird die Milcherzeugung und -verarbeitung in Zukunft finanziell noch Spaß machen?
Es ist wichtig, hier zwischen Wertschöpfungsketten zu unterscheiden. Wo die Milch zu vollkommen standardisierten, auf dem Weltmarkt gehandelten Produkten wie Milchpulver verarbeitet wird, sind ein großes Kostenbewusstsein und effiziente Strukturen gefragt. Dies erfordert große Betriebe mit rationell organisierten Arbeitsabläufen und spezialisierten Arbeitskräften. Der klassische Familienbetrieb, wo der Bauer mehr oder weniger alle arbeiten selbst erledigt, kann da schwer mithalten. Er braucht einen Abnehmer, der die Milch zu differenzierten Produkten verarbeitet, wo der Verbraucher bereit ist, für Qualität zu bezahlen. 

Wie wird sich der Milchpreis nach Wegfall der Quote in Deutschland entwickeln? Schätzungen gehen von einem Jahresmittel zwischen 30 und 32 Cent aus.
Preisprognosen sind schwierig, hier spielen auch die Entwicklungen auf dem Weltmarkt oder der zukünftige Wechselkurs des Euro gegenüber dem Dollar eine Rolle. Die genannten Einschätzungen zum durchschnittlichen Milchpreis halte ich für plausibel. Allerdings muss auch mit verstärkten Schwankungen gerechnet werden – in einzelnen Jahren kann er deutlich unter 30 Cent liegen. Zudem sind ja die Preisunterschiede zwischen den Molkereien beträchtlich, auch heute schon.

Wie sieht die Zukunft der deutschen Milcherzeuger aus?
Innerhalb von Deutschland bestehen zwischen den Regionen große Unterschiede in der Betriebsstruktur, aber auch in den natürlichen Gegebenheiten. Die Milcherzeuger stehen schon seit längerem unter Druck, und der Strukturwandel wird weitergehen. Aber ich denke, auch klassische Familienbetriebe  haben – mit geeigneten Marktpartnern – eine Zukunft. Langfristige Partnerschaften innerhalb der Wertschöpfungskette werden daher wichtiger.

Für wie sinnvoll halten Sie das Milchpaket der Europäischen Kommission als Übergangsregelung bis 2020?
Die Verhandlungsposition der Milcherzeuger zu stärken, finde ich richtig, da die Kräfte im Markt asymmetrisch verteilt sind. Ich hätte verbindliche Vorgaben für Lieferverträge befürwortet, die den Erzeugern etwas Planbarkeit verschaffen.

Wie werden sich die Verbraucherpreise in Zukunft für Käse, Butter und Joghurt entwickeln?
Für die Preise im Inland ist von Bedeutung, ob sich der Absatz in den Exportmärkten erwartungsgemäß entwickeln wird. In Billigsegmenten, wo sich die Verbraucher nur am Preis der Produkte orientieren, sind Preissenkungen am wahrscheinlichsten. Dies betrifft die industriellen Standardprodukte. Für Sortenkäse, Vorzugsbutter oder hochwertige Joghurts rechne ich eher mit stabilen Preisen.

Deutschland ist der größte Milchproduzent in der EU und produziert rund ein Fünftel der gesamten europäischen Milch: Wie wird sich der Anteil mit Wegfall der Milchquote entwickeln?
Grundsätzlich hat Deutschland gute Chancen, diesen Marktanteil zu halten oder sogar zu steigern. Im letzten Jahr wurde ja mehr Milch geliefert als in der Milchquote festgelegt und der Milchsektor gilt im Vergleich zu anderen Mitgliedstaaten als gut aufgestellt. Es wird darauf ankommen, wie gut das Mengenwachstum in der Erzeugung mit den Erwartungen in der Verarbeitung übereinstimmt – Überkapazitäten wären problematisch.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass eine Konzentration der Betriebe Auswirkungen auf die Qualität der Milch haben wird, auch in Punkto Tierhaltung gibt es kritische Stimmen? Wie sollte die Industrie, wie sollte der Handel damit umgehen?
Diese Gefahr besteht vor allem dort, wo ein starker Kostendruck herrscht, also in Wertschöpfungsketten, die industrielle Standardprodukte erzeugen. Gesetzliche Tierschutzstandards und Hygienevorschriften geben einen Rahmen vor. Viele Verbraucher haben aber Erwartungen, die deutlich über das gesetzliche Minimum hinausgehen und die auch bereit sind, dafür zu bezahlen. Es ist wichtig, dass ihnen keine ländliche Idylle vorgegaukelt wird, sondern dass die Industrie und der Handel Standards garantieren. Eine gute Zusammenarbeit über die ganze Wertschöpfungskette kann auf dem Markt einen Mehrwert erzielen, von dem alle profitieren.

Statements

GLOBUS
Welche Bedeutung hat der Wegfall der Milchquote?
Die Höchstabgabe und damit der wirtschaftliche Druck auf die Milcherzeuger wird deutlich steigen. Weltweit ist die Nachfrage nach Milchprodukten vor allem in den Wachstumsländern stabil. Niedrige Preise treiben die Nachfrage aus Asien und dem mittleren Osten an. Der schwache Euro kurbelt den europäischen Export an. Das macht die EU auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger, innerhalb der EU und Deutschlands beobachten wir jedoch niedrige Milchpreise bei hohen Strafzahlungen. Die Auswirkungen müssen abgewartet werden. Hinter den Markt in Russland müssen wir momentan ein großes Fragezeichen setzen, da die politischen Entwicklungen nicht absehbar sind. Auf dem chinesischen Markt bleibt der Druck weiterhin hoch. In Neuseeland wurden die Auszahlungspreise signifikant zurückgenommen, was eine negative Auswirkung auf die Auslieferungsmenge zum Saisonausklang hat. Der starke Dollar erschwert den USA momentan die globale Wettbewerbsfähigkeit. Die Konsequenzen auf den Wegfall der Milchquote lassen sich darum zum jetzigen Zeitpunkt kaum einschätzen.

Wie wird sich das Angebot an Milchprodukten im LEH verändern?
Das Angebot an Milchprodukten im LEH wird sich nicht wesentlich verändern, höchstens im monetären Sinne. Die Anpassung der Produkte in Richtung Functional Food und Convenience wird aber weiter voranschreiten.

 

ARLA
Welche Bedeutung hat der Wegfall der Milchquote?
Der Strukturwandel in der Milchwirtschaft ist noch nicht abgeschlossen, das kann sicherlich noch zehn Jahre dauern. Wir rechnen mit leicht steigenden Milchmengen von drei bis fünf Prozent, aber an die von einigen Experten prognostizierte Milchschwemme glauben wir nicht. Es wird Landwirte geben, die ihre Produktionsmengen steigern, aber die Kapazitäten sind vielerorts begrenzt, insbesondere was Flächen und Arbeitskräfte betrifft. Arla hat auch in Deutschland frühzeitig geplant und so dafür gesorgt, dass die Verarbeitung steigender Milchmengen gewährleistet werden kann. Die Produktion wurde rechtzeitig vor dem Quotenausstieg im kommenden Jahr ausgeweitet. Unser Standort in Upahl wird weiter ausgebaut, dort haben wir in 2014 rund 13 Millionen Euro investiert und werden in den kommenden beiden Jahren weitere 24 Millionen Euro investieren. An unserem Standort  Pronsfeld in Rheinland-Pfalz wurden beispielsweise für den Bau einer neuen Milchtrocknungsanlage und einer neuen Butterei rund 110 Millionen Euro aufgewendet. Wir sind künftig in der Lage, an diesem Standort bis zu zwei Milliarden Kilogramm Milch zu verarbeiten. Aktuell werden in Pronsfeld schon rund 1,4 Milliarden Kilogramm verarbeitet.

In welchen Märkten sehen Sie Wachstumschancen?
Wir wollen die künftig mehr produzierten Michmengen unserer Landwirte außerhalb Europas absetzen und haben in unserer Konzernstrategie drei strategische Wachstumsmärkte außerhalb der EU definiert, in die wir verstärkt investieren werden und höhere Wachstumserwartungen hegen als in anderen Exportmärkten. Das sind Russland, China und die Region Mittlerer Osten und Afrika. Diese Märkte haben sich sehr gut entwickelt, hier sehen wir nach wie vor sehr gute Wachstumschancen, auch wenn unser Engagement in Russland durch das Embargo derzeit etwas gebremst ist.

 

DMK
Wie wird sich der quotenfreie Milchmarkt langfristig entwickeln?
Wie in den vergangenen Jahren schon, steigt die weltweite Milchproduktion an. Unsere landwirtschaftlichen Betriebe haben hinsichtlich Milchmengenwachstum eine Steigerungsrate von durchschnittlich ein bis zwei Prozent erreicht. Damit rechnen wir auch in überschaubarer Zukunft. Gleiches gilt mit Blick auf den zu erwartenden Strukturwandel: Dieser lag in den vergangenen Jahrzehnten bei rund vier bis fünf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe. Auch hier gehen wir von einer entsprechenden Entwicklung in Zukunft aus.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Verbraucherpreise ein?
Weltweit steigt die Nachfrage nach Milch, Milchpulver und Milchprodukten, so dass wir ein insgesamt festes Preisgefüge erwarten – wobei die Verbraucherpreise in Deutschland so günstig sind und bleiben, wie in kaum einem anderen Land der Welt. Gemessen am Einkommen verwendet der Durchschnittsdeutsche laut statistischem Bundesamt nur rund zehn Prozent für Lebensmittel.

Welche Herausforderungen werden mit dem Wegfall der Milchquote auf die milchverarbeitende und -produzierende Industrie zukommen?
Mit Blick auf die Herausforderungen der Zukunft hat DMK Group in den vergangenen Jahren vorausschauend in eine effektive und effiziente Werkstruktur, in moderne Produktion und Technik, in die Bearbeitung der Märkte Europas und der Welt sowie entsprechend innovativer Produkte investiert. Deutschland wird für DMK Group ein Kernmarkt bleiben und wir für unsere Kunden ein verlässlicher Partner sein. Darüber hinaus bieten internationale Märkte interessante Chancen, neue Produkte zu entwickeln. Darum werden wir unseren Export ausweiten.

Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der Deregulierung des Marktes?
Für unsere Milcherzeuger und auch die Verbraucher werden trotz der zu erwartenden steigenden Marktvolatilität die Chancen überwiegen. Insbesondere Norddeutschland ist eine Gunstregion für Milchwirtschaft, so dass hochwertige und innovative Milchprodukte auch zukünftig aus Deutschland ins eigene Land und in die ganze Welt gehen werden.