Diktat der Energiepreise

Montag, 25. März 2024
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Was sind die Preistreiber bei Lebensmitteln, wie entwickeln sich Angebot und Nachfrage, was wird die Zukunft bringen? Der Deutsche Bauernverband hat dazu jeden Winkel der Märkte ausgeleuchtet und erwartet weiter sinkende Preise.

In diesem Jahr blickt der Deutsche Bauernverband (DBV) auf die Zahl von rund 50 Ausgaben seines Situationsberichts zurück. Seit 1974 werden darin Jahr für Jahr alle relevanten Entwicklungen in der Landwirtschaft, im Agribusiness, in der Ernährungsbranche sowie in der Agrarpolitik dokumentiert. Der aktuelle «Situationsbericht 23/24» umfasst 268 Seiten und beleuchtet unter anderem im Detail das alles beherrschende Thema im Markt seit 2020, nämlich die Preiskapriolen und ihre Konsequenzen für Hersteller, Handel und Verbraucher. 

Sparsame Verbraucher
Der seit Ende 2020 erfolgte starke Preisauftrieb der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise hat sich im Laufe des Wirtschaftsjahres 2022/23 (Juli 2022 – Juni 2023) abgeschwächt. Seit Frühjahr 2023 liegen die Preise wieder unter dem Vorjahresstand. Im Durchschnitt des Wirtschaftsjahres 2022/23 aber überschritten die Erzeugerpreise das entsprechende Vorjahresniveau um 23 Prozent. Überdurchschnittlich fiel der Preisanstieg bei Kartoffeln, Schweinen, Eiern, Geflügel und Milch aus. Aber auch die Erzeugerpreise für Getreide und Gemüse stiegen kräftig an. Die starke Teuerung hat zu einer Verschiebung beim Einkauf von Nahrungsmitteln geführt. Relativ teure Lebensmittel wie Bio, Fairtrade, regionale Produkte oder Fleischersatz wurden weniger gekauft. Viele Verbraucher greifen zu preisgünstigeren Produkten. Eine Entwicklung, die bis heute anhält.
 
Rohstoffe kein Preistreiber
Der DBV betont ausdrücklich, dass die Preistreiber bei Lebensmitteln nicht die Rohstoffe sind, sondern viele externe Kostenfaktoren in der Produktionskette. Das verdeutlicht er an einem Beispiel. Bei einem Brötchen entfallen gut sieben Prozent des Preises auf seinen Getreideanteil. Für die Herstellung benötigt der Bäcker etwa 34 Gramm Mehl. Bei einem Ausmahlungsgrad von rund 75 Prozent sind das lediglich 45 Gramm Weizen. Um den Brötchenpreis um nur einen Cent anzuheben, müsste sich der Weizenpreis, der im Sommer 2023 bei 250 Euro je Tonne notierte, in etwa verdoppeln. Schwerwiegender in der Preiskalkulation der Bäcker sind dagegen die Kosten für Energie und Arbeit. 
 
Schwankende Nachfrage
Der Verbrauch bei den einzelnen Nahrungsmitteln hat sich in den letzten Jahren unterschiedlich entwickelt. Ein stabiler bis steigender Pro-Kopf-Verbrauch wird bei Getreideerzeugnissen, Zucker, Gemüse, Geflügelfleisch und Käse gemessen. Rückläufig ist dagegen der Verbrauch bei Schweine- und Rindfleisch, während er bei vielen anderen Produkten wie Obst und Kartoffeln von Jahr zu Jahr schwankt. Mehr als vier Fünftel der landwirtschaftlichen Erzeugung werden von Handwerk und Industrie zu hochwertigen Lebensmitteln verarbeitet. In den ersten neun Monaten des Jahres 2023 lag der Umsatz der deutschen Ernährungsindustrie um neun Prozent über dem entsprechenden Vorjahresstand. Ursache für diese starke Umsatzsteigerung waren indes nicht steigende Absätze, sondern Preiserhöhungen infolge von Preissteigerungen bei Energie und Verpackungen. Rund drei Viertel der in der 
Ernährungsindustrie verarbeiteten Agrarrohstoffe stammen aus Deutschland.
 
Starke Trends
Das Lebensmittelangebot in Deutschland umfasst mehr als 170 000 Produkte. Gut 40 000 neue Produkte erweitern jährlich das Angebot und lassen auch neue Marktsegmente entstehen. Allerdings behaupten sich davon nur 13 000 über zwei Jahre hinaus. Zu den seit Jahren stabilen Trends zählen Superfoods, vegetarische, vegane, gluten- und laktosefreie Produkte, Light- und Convenience-Produkte, eiweiss- oder ballaststoffreiche Produkte sowie Produkte mit besonderen Merkmalen wie regional, nachhaltig, Fair Trade und Bio. All dies ist heute am Markt ständig verfügbar. 
 
Erholung bei Bio
Die Preisentwicklung wirkt sich auch direkt auf die Erzeugung von Bio-Produkten aus. Nach Ergebnissen des «Konjunkturbarometer Agrar» interessierten sich Ende 2022 rund elf Prozent der deutschen Landwirte für eine Umstellung auf den Öko-Landbau. Im Dezember 2021 waren es noch 20 Prozent. Das Umstellungsinteresse ist gegenüber den Vorjahren also stark zurückgegangen. Wegen eines niedrigen Ertragsniveaus und eines höheren Arbeitsaufwands sind Öko-Landwirte trotz deutlich geringerer Ausgaben für Betriebsmittel auf höhere Erzeugerpreise angewiesen, um wirtschaftlich bestehen zu können. Diese gab der Markt zuletzt aber nicht her. Von den Verbraucherausgaben für Bio-Lebensmittel erhalten die Bio-Landwirte nach Schätzungen der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) 23,6 Prozent (2022). Bei den konventionell erzeugten Lebensmitteln liegt der Anteil mit 24,3 Prozent höher. Der Umstieg vieler Verbraucher auf preisgünstige Lebensmittel bremste bis Mai 2023 das Bio-Wachstum. Seitdem aber steigen die Umsätze wieder.
 
Abhängig vom Rohölpreis
Der Situationsbericht des DBV arbeitet auch heraus, welch grosser Zusammenhang zwischen den globalen Energie- und Nahrungsmittelpreisen besteht und sich vom Feld bis zum Teller durchzieht. «Die Entwicklung der Getreide-, Ölsaaten- und Zuckerpreise steht in einer Wechselbeziehung zur kaufkräftigen Nachfrage nach Nahrungsmitteln und der Nachfrage nach Bioenergie, die wiederum vor allem vom Rohölpreis abhängt», heisst es in dem Bericht. Die Folge: «Hohe Energiepreise stützen die Weltagrarpreise, besonders bei Getreide, anderen pflanzlichen Rohstoffen und auch bei Holz. Niedrige Energiepreise führen tendenziell zu einem Druck auf die Agrarpreise.» Die Preise am Energiemarkt bilden grundsätzlich die Preisuntergrenze für landwirtschaftliche Produkte. Denn produziert wird immer für den jeweiligen Markt mit dem höheren Preis. Durch die Koppelproduktion, etwa bei Raps für Biodiesel und für Rapsschrot-Futtermittel, wird aber die Anfälligkeit der Verarbeitungskette gegenüber Preisschwankungen gemindert. 
 
Neue Stagnations-Dekade
Nach Einschätzung von FAO und OECD werden die globalen Agrarrohstoffe nach ihrer Hochpreisphase wieder ihren langjährigen Trend real, also inflationsbereinigt rückläufiger Preise aufnehmen. «So dürften im kommenden Jahrzehnt die realen Agrarpreise den Projektionen zufolge weitgehend stagnieren oder leicht zurückgehen», lautet der Ausblick des DBV-Situationsberichts. 

News

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Selbstversorgung

Bei vielen Produkten ist die deutsche Landwirtschaft in der Lage, den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Allerdings ist der Selbstversorgungsgrad Deutschlands bei den meisten Produkten rückläufig. Bei Milch, Butter, Rind-, Geflügel- und Schaffleisch liegt er bei etwa 100 Prozent, bei Eiern, Obst und Gemüse aber erheblich darunter. Bei Eiern beispielsweise geht die Produktion und damit der Selbstversorgungsgrad zurück und lag im Jahr 2023 bei 72 Prozent. Für 2024 rechnet der Deutsche Bauernverband (DBV) aber wieder mit einer um etwa zwei Prozent ansteigenden Produktion. In Deutschland dominiert die Bodenhaltung (60 %), gefolgt von der Freilandhaltung (22 %) und der Biohaltung (14 %). 

 

Kraftstoffe

Von der gesamten weltweiten Landfläche sind 1,6 Milliarden Hektar Ackerland. Fünf Prozent davon oder rund 85 Millionen Hektar werden für den Anbau von Energiepflanzen wie Getreide, Ölpflanzen und Zuckerrohr/Zuckerrüben genutzt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei der Biokraftstofferzeugung zu einem hohen Anteil pflanzliche Nebenprodukte (Raps: ca. 60 % Schrot) anfallen, die als Futtermittel Verwendung finden und damit die Netto-Inanspruchnahme von Flächen für Energiezwecke etwa um die Hälfte kleiner ausfallen lassen.
 
 

Ackerflächen

Die in Deutschland für Siedlung und Verkehr genutzte Fläche ist in den fünf Jahren zwischen Ende 2017 und Ende 2022 um 87 000 Hektar auf 5,2 Millionen Hektar angewachsen. Auch die Wald- und Gehölzfläche hat mit plus 105 800 Hektar auf 11,1 Millionen Hektar deutlich zugenommen. Den amtlichen Liegenschaftskatastern zufolge hat die Landwirtschaftsfläche dagegen zwischen Ende 2017 und Ende 2022 stark abgenommen, und zwar um 197 100 Hektar auf 18 Millionen Hektar.

 

EU

Die Land-, Forstwirtschaft und Fischerei ist als Teil der Volkswirtschaft in Deutschland nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsbereich. Sie erzielte 2022 einen Produktionswert von 79,5 Milliarden Euro, hat damit einen Anteil an der Bruttowertschöpfung von etwa ein Prozent. Grösster Agrarproduzent der EU-27 ist Frankreich mit 95 Milliarden Euro Produktionswert und erwirtschaftet damit 18 Prozent der europäischen Agrarproduktion. Mit deutlichem Abstand folgen Deutschland, Italien (71 Mrd. Euro) und Spanien (62 Mrd. Euro).