Ausgabe:

Spielerisch Neues gestalten

Freitag, 06. Oktober 2017
Fotos: Thinkstock (Rawpixe, Elena-studio), Fotolia (Kzenon), Unternehmen

Design Thinking bietet die Chance völlig Neues zu entwickeln. Wie die nutzerzentrierte Innovationsmethode in der praktischen Anwendung funktioniert.

Ein großer Haufen Post-its, verstellbare Tische, Whiteboards und bunte Legosteine. Was chaotisch wirkt, ist wichtiges Zubehör für einen erfolgreichen Design-Thinking-Prozess. Der teamorientierte Ansatz benötigt flexibel gestaltete Räumlichkeiten, die leicht an den aktuellen Arbeitsschritt angepasst werden können, etwa zusammen im Stuhlkreis offen diskutieren, Ideen auf Boards und Styroporwänden visualisieren oder auf großen Tischen Prototypen basteln.

Genauso wichtig wie diese «Freiräume» ist die Zusammensetzung des Innovationsteams. Möglichst interdisziplinär soll es zugehen, da nur so unterschiedliche Perspektiven eingebracht werden können. So können hier Controller, Einkäufer und Informatiker verschiedenster Hierarchie-Ebenen zusammenkommen, oder Architekt, Biologe und Wissenschaftler. Laut den auf die Innovationsmethode spezialisierten Coaches Jochen Gürtler und Johannes Meyer sind «ideale» Design Thinker, «Menschen, die fundierte Kenntnisse in einem Bereich haben, gleichzeitig aber auch breites Wissen und Neugierde für andere Gebiete mitbringen.» Eine gute Teamgröße seien vier bis sechs Personen, weil so genügend Ideen im Raum stehen und trotzdem schnell Entscheidungen getroffen werden können. Unbedingt nötigt ist zudem eine kreative Teamkultur, die sich durch gegenseitigen Respekt, Vertrauen innerhalb des Teams, Bereitschaft zu spielerischem Ausprobieren, Mut zum Scheitern und konstruktive Feedbackkultur auszeichnet.

«Personas» erstellen

Stehen diese Voraussetzungen, beginnt der eigentliche Prozess: Zuerst definiert das Team die Fragestellung. Diese sollte weder zu unspezifisch noch zu detailliert sein, um genügend Raum für unbekannte Ideen zu lassen. Dann werden möglichst viele Informationen zum Thema gesammelt, etwa Nutzer interviewt und beobachtet oder Experten befragt. Mit diesem Wissen wird die Frage eingegrenzt. Etwa: Auf welche Art von Nutzern oder Bedürfnissen möchte sich das Team konzentrieren? Was sollte im weiteren Prozess unbedingt beachtet werden? Laut Gürtler und Meyer hat es sich bewährt sogenannte «Personas» als fiktive Zusammenfassung der Interviews zu erstellen, die den typischen Nutzer beschreiben. Daraus ergebe sich die konkrete Fragestellung, etwa «Wie können wir unserem Nutzer helfen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen?»

Nach dieser Synthese beginnt die Ideenfindung. Dafür eignet sich etwa gemeinsames Brainstorming oder das Hineinschlüpfen in Rollen durch die verschiedenen Teammitglieder (etwa in die Rolle des Visionärs, Träumers oder Realisten). Ideen werden am besten auf Post-its festgehalten. Wichtig in dieser Phase: Quantität geht vor Qualität. Ideen sollten nicht bewertet, gerne aber weiterentwickelt werden. Und: Keine Idee ist zu verrückt.

Protypen basteln

Im Anschluss werden eine, oder einige wenige, Ideen ausgewählt, die weiterverfolgt werden sollen. Kriterien können laut Gürtler und Meyer etwa sein: Welche Idee ist die radikalste? Welche lässt sich am einfachsten realisieren? Welche hat das größte Marktpotenzial? Dann beginnen die Teilnehmer mit einfachen Mitteln – Papier, Kleber, Knete usw. – Prototypen zu basteln. Bei Service- und Dienstleistungen können in diesem Schritt Rollenspiele entwickelt werden. Danach wird getestet. Gürtler und Meyer empfehlen, dass die Prototypen möglichst unfertig und improvisiert sind, da so ehrlichere Feedbacks entstehen und das Verwerfen von Ideen leichter fällt. Auch der «Sprung zurück» in die Synthese- oder Recherchephase ist ausdrücklich erwünscht, schließlich ist Design Thinking ein auf viele Schleifen ausgelegter Prozess, in dem Fehler als Lernfortschritte gesehen werden.

Am Ende ergibt sich so eine Idee, die, bevor sie als Innovation umgesetzt werden kann, auf Machbarkeit wie Wirtschaftlichkeit geprüft werden muss. Das geschieht am besten mit zusätzlichen Schleifen im Design-Thinking-Prozess, in dem entsprechende Prototypen erstellt und getestet werden, etwa Werkstoff-Experimente oder Software-Prototypen (Machbarkeit) oder Business-Pläne (Wirtschaftlichkeit).

Serie

«Design Thinking» gilt als neue kreative Methode zur Innovationsentwicklung. Das Thema werden wir für Sie vor diesem Kontext beleuchten:
 

09/17 Prinzip und Wirkung von Design Thinking
10/17 Die Anwendung – Design Thinking im Einsatz

 

Praxistipps

COACH:

Jedem Design Thinking Team sollte ein Coach (intern oder extern) zur Seite stehen,  der die methodische Strukturierung der Arbeitsphasen übernimmt und moderiert. Diese im Design Thinking geschulte und erfahrene Person achtet etwa darauf, dass alle im Team zum Zug kommen, die Zeit eingehalten wird, Teamentscheidungen getroffen und Konfl ikte gelöst werden.

DAUER:

Es empfi ehlt sich, zunächst mit kurzen Design-Thinking-Formaten zu beginnen, etwa eintägigen Workshops. So kann sich das Team für die komplette Zeit auf die Design-Thinking-Arbeitsweise einlassen und «dranbleiben», was bei einem über mehrere Wochen oder Monate dauernden, immer wieder unterbrochenen Prozess entsprechend schwieriger ist.

Quelle: Jochen Gürtler / Johannes Meyer: Design Thinking (Gabal, 2015)