Ausgabe:

Digitaler Tauschhandel

Mittwoch, 01. August 2018
Fotolia (Production Perig)

Die manuelle Organisation der Paletten-Logistik verschlingt Zeit und Geld. Ein Pilotprojekt ergründet die Chancen, die Tauschprozesse mithilfe der Blockchain-Technik zu optimieren. Auch die MARKANT Gruppe ist beteiligt.

In Europa sind mehr als 500 Millionen Europaletten im Umlauf. Ihr Wert beträgt rund 2,5 Milliarden Euro. Wo befinden sich die einzelnen Paletten gerade, und wo werden sie eigentlich gebraucht? Die nötigen Tausch- und Logistikprozesse werden heute noch über Palettenscheine organisiert. Sie gehören in Papierform zum Tagesgeschäft jedes Lkw-Fahrers. Auf ihnen werden Besitzer, Anzahl, Art und Güte der Ladungsträger dokumentiert. 

Der Handel oder andere Warenempfänger setzen den Schein ein, wenn ein Palettentausch nicht direkt erfolgt – wenn Die manuelle Organisation der Paletten-Logistik verschlingt Zeit und Geld. Ein Pilotprojekt ergründet die Chancen, die Tauschprozesse mithilfe der Blockchain-Technik zu optimieren. Auch die MARKANT Gruppe ist beteiligt. Quelle für Fehler und Ineffizienz dem Logistiker also die gerade gelieferten oder andere Paletten nicht direkt zurückgegeben werden können. In diesem Fall kann der Schein später beim Aussteller oder bei einem beauftragten Dienstleister wieder eingelöst werden. Solche Vorgänge wiederholen sich täglich tausendfach. Jeder am System Beteiligte führt ein eigenes Paletten-Konto. Scheine müssen manuell ausgefüllt, kopiert und archiviert werden. Das ist ein gigantischer bürokratischer Aufwand und zudem eine Quelle für Fehler sowie Ineffizienz. «Die logistischen Prozesse sind heute noch stark von manueller Dokumentation und fehlender Transparenz geprägt», sagt Regina Haas-Hamannt, Innovationsleiterin bei GS1 Germany in Köln.

Quelle für Fehler und Ineffizienz

Oftmals wissen die Betreiber ausserdem nicht, welche Akteure in der Lieferkette am Tauschprozess beteiligt sind. Dieses eher chaotische System über die Blockchain neu zu organisieren, ist ein naheliegender Ansatz. «Wenn sich der Palettentausch mittels Blockchain effizienter und transparenter verwalten lässt, wäre das ein Quantensprung für alle Beteiligten», so Haas-Hamannt.

Die Blockchain ist grundsätzlich nichts anderes als eine dezentrale Datenbanktechnologie, bei der Daten nicht geändert und nicht gelöscht werden können. Die Informationen sind in Blöcken zusammengefasst und werden auf allen Rechnern eines Blockchain-Netzwerks gleichzeitig gespeichert. Die dezentrale Organisationsstruktur ist eine der Haupteigenschaften der Technologie und macht sie besonders manipulationssicher. Ein weiteres Merkmal ist, dass Blockchains keine vermittelnde Instanz, keinen kontrollierenden Intermediär benötigen. Denn die Prozesse werden dezentral und individuell nach dem «Wenn-dann»-Prinzip geregelt. Die Kontrolle übernimmt das Netzwerk. 

Digitale Palettenscheine

Auf den Palettentausch übertragen, bedeutet dies: Palettenscheine werden digital geführt und im Blockchain-Netzwerk gespeichert. Das komplette Dokumenten-Management aller Akteure wird über die Blockchain abgewickelt. Jeder Beteiligte kann sehen, wo sich wie viele Paletten befi nden und wie sie auf dem kürzesten Weg getauscht oder an Palettenlogistiker abgeliefert werden können. Der gesamte Prozess wird optimiert, der bürokratische Aufwand wird minimiert, Fahrten werden verkürzt oder ganz eingespart, darüber hinaus verringert sich der Schadstoffausstoss. 

GS1-Expertin Regina Haas-Hamannt leitet ein Projekt, das den Weg hin zu diesem Idealzustand ergründet. In der Projektgruppe arbeiten auf Handelsseite dm-drogerie markt, Kaufland, Lekkerland sowie MARKANT mit. Auf Herstellerseite sind Beiersdorf, Dole Europe, Dr. Oetker, die Gärtnerei Ulenburg, Ringoplast und die Wernsing Food Family beteiligt. Hinzu kommen Vertreter der Logistik-Branche und in beratender Funktion des European EPC Competence Center (EECC) und des Fraunhofer-Instituts. Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC zeichnet für die technologische Seite verantwortlich. 

Transparente Ergebnisse

Das Projekt ist in fünf Phasen eingeteilt. Zunächst defi nieren die Logistik-Experten aus den Unternehmen einen einheitlichen Prozessablauf und grundlegende Prozessanforderungen für die Programmierung der Blockchain. Dann legen die IT-Spezialisten die Systemarchitektur der Blockchain fest. In Phase drei folgt die Entwicklung der Simulationsumgebung für einen ersten Testlauf. Der eigentliche Blockchain-Test erfolgt in Phase vier. Dann führen Hersteller, Logistik-Dienstleister und Händler innerhalb einer echten Lieferkette den Palettentausch mithilfe der Technologie durch. Daraus wiederum werden im letzten Schritt Handlungsempfehlungen für die Praxis abgeleitet. 

Die Projekt-Teilnehmer planen, ihre Ergebnisse zum Jahresende 2018 zu veröffentlichen – idealerweise als Basis für eine übergreifende Lösung. «Ziel des Projekts ist es nicht, die Blockchain-Technologie nur für eigene Zwecke zu erproben, sondern die Erkenntnisse möglichst umfassend zu teilen», erklärt die Expertin Regina Haas-Hamannt.

Serie

Dreiteilige Serie im MARKANT Magazin: Wie funktioniert die Blockchain-Technologie, wie kann sie Prozesse schneller und effektiver machen?

07/18 Was unter Blockchain zu verstehen ist
08/18 Welche Anwendungen die Blockchain ermöglicht
09/18 Wie konkrete Blockchain-Projekte aussehen

 

Statement

Christian Grotowsky, Senior Vice President Corporate IT bei Lekkerland, über das Blockchain-Projekt.

«Für eine Zwischenbilanz ist es zu früh. Erst die Testphase wird zeigen, wie sich die Blockchain-Technologie in der Logistik-Praxis schlägt. In der konkreten Arbeit erweist sich, wie viele praktische und zumeist einfache Fragen bei ihrer Anwendung zu beantworten sind. Beispielsweise ist zu klären, wie sich die Nutzer anmelden können und wer verantwortlich ist, wenn es zu technischen Problemen kommt. Diese konkrete Auseinandersetzung war eine wesentliche Motivation für Lekkerland, an diesem Projekt teilzunehmen.»

 

Info

Wie andere Händler versucht auch Kaufl and, die Paletten-Logistik im 1:1-Tauschverfahren zu organisieren, also Spediteuren die Anzahl von Paletten mitzugeben, die sie angeliefert haben. Sollte dies für den Spediteur unrentabel sein, kommen Palettenschuldscheine zum Einsatz. «Wenn dieses Verfahren  digitalisiert werden kann, ist das sicher ein Fortschritt, bedingt aber eine entsprechende IT-Infrastruktur bei allen Beteiligten», so Andrea Kübler, Sprecherin Kaufl and Stiftung.