Payment im Handel: Noch Handlungsbedarf

Montag, 27. Juni 2022
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Bargeldloses Bezahlen ist in der DACH-Region zum Standard geworden. Damit ist der Handel gezwungen, bei seinen Payment-Systemen laufend nachzurüsten. Eine Studie zeigt die Schwerpunkte.

Rund 5,9 Milliarden Käufe haben die Verbraucher in Deutschland in 2021 bargeldlos mit der Girocard («EC-Karte») bezahlt – so viel wie nie zuvor. Das berichtet die EURO Kartensysteme GmbH (EKS), ein Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Banken und Sparkassen. Der erst ein Jahr zuvor erzielte Rekord von 5,5 Milliarden Zahlungen wurde um acht Prozent übertroffen. Motor dieser Entwicklung ist das kontaktlose Bezahlen. Der Anteil der kontaktlosen Girocard-Zahlungen ist laut EKS 2021 um zehn Punkte von 63 auf 73 Prozent gestiegen.

D: Fast 1 Mio. Terminals
Kontaktloses Bezahlen ist mit Girocards und Kreditkarten möglich, die einen sogenannten NFC-Chip besitzen. Ausserdem kann mit einem Smartphone oder einer Smartwatch per Apple Pay, Google Pay oder einer Banken-App kontaktlos Geld übertragen werden. Der Einzelhandel hat während der Corona-Pandemie aus Hygienegründen bei seinen Kunden für diese Art des Bezahlens fleissig geworben und auch entsprechend investiert. «2021 waren monatlich bis zu 973 000 aktive Girocard-Terminals im Feld», so die EKS. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus von 7,7 Prozent und damit der grösste prozentuale Zuwachs bei den Bezahlpunkten seit mehr als zehn Jahren. Für die Kreditwirtschaft ist das auch ein Beleg, «dass die in Deutschland am meisten verbreitete und genutzte Debitkarte für den stationären Einzelhandel besonders attraktiv ist». Sie biete dem Händler günstige Konditionen bei gleichzeitiger Zahlungsgarantie.

CH: Karten stagnieren
Ähnlich ist die Entwicklung in der Schweiz, wie die aktuelle sechste Ausgabe des «Swiss Payment Monitors» (SPM) zeigt, die gemeinsam durch das Swiss Payment Research Center (SPRC) der ZHAW School of Management and Law und das Swiss Payment Behaviour Lab (SPBL) der Universität St. Gallen herausgegeben wird. Die Debitkarte behauptet ihre Position als umsatzstärkstes sowie meistgenutztes Zahlungsmittel der Schweiz, hat aber zuletzt gegenüber der Barzahlung wieder verloren. Im Verlauf des Jahres 2021 sind ihre Anteile beim Umsatz auf 30,1 Prozent (Vj. 31,3 %)  und bei der Anzahl der Transaktionen auf 31,8 Prozent (Vj. 34,2 %) leicht gesunken. Dagegen legt das kontaktlose Zahlen auch in der Schweiz weiter deutlich zu: Dessen Umsatzanteil ist von 9,3 Prozent auf jetzt 12,6 Prozent am stärksten unter allen Verfahren angestiegen.

AT: Bargeld dominiert
Im Gegensatz zu ihren Nachbarn in Deutschland und der Schweiz hält die Mehrheit der Österreicher unbeirrt am Bargeld fest. Es ist mit 66 Prozent aller Transaktionen am Point of Sale noch immer das beliebteste Zahlungsmittel, wie die Österreichische Nationalbank mitteilt. Allerdings ist die Tendenz rückläufig: Innerhalb der vergangenen zwei Jahre ist die Bargeldnutzung auch in Österreich um 13 Prozent im Vergleich zu 2019 zurückgegangen. Parallel dazu stieg die Zahl der Transaktionen mit Debitkarten am Verkaufsort von zehn auf 27 Prozent massiv an. Und auch der Anteil kontaktloser Debitkartenzahlungen ohne PIN-Eingabe nahm um 16 Prozent zu. Lediglich zwei Prozent der Zahlungen im Handel wurden in Österreich via Mastercard, Visa und anderen Kreditkarten abgewickelt. Und auch die Transaktionen über mobile Bezahlmöglichkeiten fallen mit 0,7 Prozent derzeit noch wenig ins Gewicht.

Mobiler Investitionsschub
Die Planungen des Handels richten sich an diesen Trends aus. Das zeigt die aktuelle Studie «POS Systeme 2022» des EHI Retail Institute. An der Umfrage haben sich 44 Handelsunternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit 36 800 Filialen im Raum DACH beteiligt. Den grössten Handlungsbedarf sehen diese Händler beim Einsatz von mobilen Geräten mit Kassenfunktion (59 %), bei SB-Kassen und Selfscanning (57 %) sowie bei der Forcierung des bargeldlosen Zahlens (48 %). Aber auch die Vermeidung von Inventurdifferenzen, die Effizienzsteigerung und speziell die Erhöhung der Geschwindigkeit bei der bargeldlosen Zahlung steht bei 30 bis 40 Prozent der Unternehmen auf der To-do-Liste.  

SB-Kassen im Fokus
Die Befragten des Untersuchungspanels schätzen vor allem das Potenzial von mobilen Geräten mit Kassenfunktion am POS als hoch ein. 16 Prozent haben schon heute mobile Kassen im Einsatz, bei 55 Prozent sind sie in Planung. Beliebt sind diese mobile Devices auch wegen ihrer Multifunktionalität: 39 Prozent der Händler setzen sie bereits auch zu Beratungszwecken ein, und 59 Prozent haben das in naher Zukunft vor. An zweiter Stelle der Prioritätenliste stehen Self-Checkout- und Self-Scanning-Systeme, deren Verbreitung in Deutschland seit Jahren an Dynamik gewinnt. 57 Prozent sehen in ihrem Einsatz Optimierungspotenzial. Das sind zehn Prozent mehr als noch im Jahr 2020. Dabei hatte die Corona-Pandemie bereits einen beschleunigenden Effekt auf die Verbreitung. Ohne weiteren Personenkontakt den Einkauf zu erledigen, bietet für die Kundschaft in Pandemiezeiten einen Mehrwert. Heute haben bereits 43 Prozent Self-Checkout-Systeme im Einsatz, 39 Prozent bieten der Kundschaft das Self-Scanning über das eigene Smartphone an. In Zukunft wollen 59 Prozent diese stationären Self-Service-Varianten anbieten. Einen grossen Schub bekommt künftig auch der digitale Kassenbon. Aktuell ermöglichen 34 Prozent der befragten Unternehmen, den digitalen Kassenbon an ihren Kassen auszugeben (2020: 23 %). Für die Zukunft planen dies 95 Prozent. Weitere zusätzliche Funktionen, die die Händler implementieren wollen, sind das Couponing (89 %) und das eLoading (Aufladen von Guthabenkarten) mit rund 80 Prozent.

Viele neue Funktionen
Die Kassen erhalten also immer mehr Funktionen und werden somit zu einem Multitool am POS. «Die bestehenden Kassensysteme des Handels übernehmen bereits heute neben der reinen Kassierfunktion viele zusätzliche Aufgaben», erklärt Cetin Acar, Projektleiter Forschungsbereich IT beim EHI. Künftig würden aber noch mehr neue Funktionen hinzukommen. «Schon jetzt kann die Kundschaft an manchen Kassen Bargeld abheben oder Strafzettel bezahlen», so Acar abschliessend.

eCommerce

Kritischer Zahlvorgang
Der Bezahlvorgang ist ein wesentlicher Faktor für Erfolg oder Misserfolg beim Einkauf im Online-Shop. Das belegt der «E-Com DACH Report 2020» der Nets Group, einem führenden Pay-Tech-Unternehmen. Danach gaben 12 Prozent der Österreicher, 15 Prozent der Schweizer und sogar 20 Prozent der Deutschen an, den Einkauf abgebrochen zu haben, weil der Shop ihre bevorzugte Zahlungsweise nicht anbietet.

Zudem zeigt die Umfrage auch ein klares Bild über das Zahlungsverhalten der Konsumenten beim Online-Shopping. Deutschland setzt vermehrt auf E-Wallets wie Paypal, danach folgen Kauf auf Rechnung (36 %) und SEPA Lastschriftverfahren (32 %). In Österreich ist die Kreditkarte (49  %) der klare Sieger, gefolgt von der Online-Überweisung (38 %), E-Wallets und Kauf auf Rechnung (beide je 35 %).

Die Kreditkarte ist auch in der Schweiz die beliebteste Zahlungsmethode (68 %). Danach folgen Rechnung (45 %) und E-Wallets (35 %). Nicht immer sind alle Zahlungsmethoden im Shop verfügbar, und so muss der Kunde die Bezahlmethoden verwenden, die angeboten werden. Mit einer Zahlungsmethode gehen Online-Händler aber auf Nummer Sicher: Der Kauf auf Rechnung steht in Österreich, Deutschland und der Schweiz an jeweils zweiter Stelle. Und noch in einem anderen Punkt sind sich die drei Länder sicher: Die wichtigsten Faktoren bei der Zahlung sind Einfachheit, Schnelligkeit und Sicherheit.

Investitionen

Hard- und Software
Die Mehrheit der Händler in der Region DACH will in den kommenden Jahren ihre Kassen erneuern. Das zeigt die Studie «POS Systeme 2022» des EHI Retail Intitute. 64 Prozent der befragten Händler wollen ihre Kassen-Hardware teilweise oder komplett erneuern. Das durchschnittliche Alter einer Kasse ist 2021 auf 5,9 Jahre gestiegen; im Jahr zuvor waren es noch 5,7 Jahre. 70 Prozent der Unternehmen werden in den kommenden zwei Jahren grössere Veränderungen an der Kassensoftware vornehmen. Diese hatte zuletzt ein Durchschnittsalter von 6,9 Jahren.

Online-Zahlungen

Schub für giropay
Das Bundeskartellamt hat im März 2022 verkündet, dass es keine wettbewerbsrechtlichen Bedenken gegen die nächste Ausbaustufe von giropay habe. Neben der Integration der girocard als weiterem Zugangsweg im Online-Bezahlverfahren giropay soll es auch Vereinfachungen bei der Nutzung für Kunden und Händler geben. Damit sieht die Deutsche Kreditwirtschaft den Weg frei, um mit der digitalen girocard künftig über die Marke «giropay» auch im Online-Handel flächendeckend bezahlen zu können. Die girocard ist mit rund 100 Millionen ausgegebenen Karten die am stärksten verbreitete Debitkarte in Deutschland. Die deutschen Banken und Sparkassen hatten 2021 begonnen, ihre Online-Bezahlverfahren paydirekt, giropay und Kwitt unter der Marke giropay schrittweise zusammenzuführen. Damit soll auch das Girokonto als das «Ankerprodukt für Zahlungen im Alltag»  gestärkt werden.