Mitarbeiter: binden statt schinden

Mittwoch, 06. August 2014
Foto: Fotolia/Michael Jung

In Zeiten von Fachkräftemangel und Jobhopping kann eine hohe Fluktuation schnell zum Nachteil werden. Unternehmen sollten daher umgehend in das Thema Mitarbeiterbindung investieren.

Chef, ich kündige – diesen Satz hören viele Führungskräfte inzwischen häufiger als ihnen lieb ist. Die Folgen: erhebliche finanzielle Kosten, etwa durch Neuausschreibung, Auswahlverfahren und Einarbeitung bis hin zum Know-how-Verlust, und – im schlimmsten Fall – sogar das Abwandern von Kunden. Folglich herrscht dringend Handlungsbedarf in deutschen Unternehmen. Bislang weist nur ein kleiner Teil der deutschen Arbeitnehmer eine hohe emotionale Bindung an den Arbeitgeber auf: 67 Prozent leisten Dienst nach Vorschrift, 17 Prozent haben bereits innerlich gekündigt und nur 16 Prozent sind bereit, sich freiwillig für die Ziele des Unternehmens einzusetzen. Das sind die Ergebnisse des aktuellen Engagement Index des Beratungsunternehmens Gallup. Fatal, denn ebenjene emotional ungebundenen Mitarbeiter neigen eher zum Arbeitgeberwechsel. Laut Studie planen 93 Prozent der emotional hoch gebundenen Mitarbeiter, aber nur 45 Prozent derjenigen ohne emotionale Bindung, in einem Jahr noch bei ihrem Arbeitgeber tätig zu sein. „Emotionale Mitarbeiterbindung schützt gegen Abwanderung und bietet Unternehmen Sicherheit in der Personal- und Kostenplanung“, so Marco Nink aus dem Hause Gallup.

Schluss mit der Kontrolle

Doch wie bindet man Mitarbeiter gezielt an sein Unternehmen? „Vertrauen und Wertschätzung zählen zu den wichtigsten Kriterien“, so Frank Schabel, Marketingleiter des Personaldienstleisters Hays. Weitere Rollen spielen der Inhalt der Arbeit, die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, flexible Arbeitszeitmodelle, die der jeweiligen Lebenssituation gerecht werden, und natürlich auch das Gehalt. Ebenfalls wichtig: das soziale Miteinander und das Verhalten des Chefs persönlich. „Leider wird in vielen Unternehmen noch immer eine Kultur gelebt, in der nicht Vertrauen, sondern Kontrolle ein Grundprinzip ist und Wertschätzung kaum stattfindet“, so Schabel. Etwa die Hälfte aller deutschen Firmen habe inzwischen immerhin erkannt, dass etwas getan werden müsse, so Prof. Dr. Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen. „Allerdings hapert es noch an der Umsetzung.“ Im Hinblick auf den drohenden Fachkräftemangel sicherlich ein Fehler. „Wenn man bedenkt, dass das Thema Mitarbeiterbindung in der praktischen Umsetzung zwischen zwei und fünf Jahre braucht, ist es für Unternehmen jetzt an der Zeit, sich endlich mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt Rump. Das gilt auch für den Handel: Im Schnitt liegt die Verweildauer eines Mitarbeiters im Einzelhandel derzeit bei rund sieben Jahren. „Der Einzelhandel bietet gute Aufstiegschancen, abwechslungsreiche Tätigkeiten und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle“, so HDE-Geschäftsführer Heribert Jöris. Diese Vorteile sollten sich Handelsunternehmen verstärkt zunutze machen.

Interview

Interview mit Prof. Dr. Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäfti­gung und Employability, Hochschule Ludwigshafen

Wie vieleUnternehmen haben den Stellenwert der Mitarbeiterbindung bereits erkannt?
50 Prozent der Unternehmen setzen sich noch gar nicht mit dem Thema auseinander. Die andere Hälfte hat den Stellenwert zwar erkannt, allerdings mangelt es bei den meisten an der Umsetzung. Ich gehe davon aus, dass lediglich 18 Prozent der Unternehmen das Thema derzeit auch wirklich in der Praxis angehen.

Welche Auswirkungen hat diese Zögerlichkeit?
Die Folgen für Unternehmen sind fatal. Spätestens ab 2018 wird der Fachkräftemangel hierzulande deutlich zu spüren sein. Wenn man bedenkt, dass das Thema Mitarbeiterbindung in der praktischen Umsetzung zwischen zwei und fünf Jahre braucht, ist es für Unternehmen jetzt also absolut an der Zeit, mit dem Thema durchzustarten.

Wie schafft man es, Mitarbeiter zu binden?
Es gibt vier Haupt-Bindungsinstrumente. Dazu gehören eine explizite und glaubwürdige Werteorientierung des Unternehmens, eine kompetente Führung, das Bereitstellen von Zukunftsperspektiven sowie Möglichkeiten für eine gesunde Work-Life-Balance.

 

Statements

HDE-Geschäftsführer Heribert Jöris
„Die Mitarbeiterbindung im Handel kann – ähnlich wie in anderen Branchen – zum einen über die Vergütung geschehen. Zum anderen aber auch über besondere Leistungen des Unternehmens für seine Mitarbeiter. Das können beispielsweise besondere Fortbildungsmaßnahmen sein.“

Frank Schabel, Marketingleiter des Personaldienstleisters Hays
„Viele Unternehmen haben inzwischen erkannt, wie wichtig das Thema Mitarbeiterbindung ist.  Wie so oft hakt es jedoch nicht an der Erkenntnis, sondern der Umsetzung. Hier zeigt sich, dass viele Unternehmen noch in Kulturen leben, in denen nicht Vertrauen, sondern Kontrolle ein Grundprinzip ist und Wertschätzung zu selten stattfindet. Dabei sind die direkten Führungskräfte besonders gefragt.“

Sophia von Rundstedt, geschäftsführende Gesellschafterin von Rundstedt
„Um ihre Top-Talente an sich zu binden, empfehlen wir Unternehmen,  auf individuelle Karrierepfade zu setzen, die die persönlichen Fähigkeiten, Wünsche und die Lebenssituation der einzelnen Mitarbeiter berücksichtigen. Das können zum Beispiel die Schaffung neuer beruflicher Perspektiven sowie die gezielte Weiterentwicklung in neue Tätigkeitsfelder innerhalb des Unternehmens sein. So können Arbeitgeber der Wechselbereitschaft der Mitarbeiter entgegenwirken.“

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