Gemeinsam & Fair

Montag, 28. Februar 2022
Foto: Unternehmen/ FoodHub München

Der genossenschaftliche Mitmach-Supermarkt FoodHub in München ist der erste seiner Art in Deutschland. Das alternative Vermarktungskonzept verfolgt das Ziel, den sozialen und ökologischen Wandel so einfach zu machen wie den Einkauf  im Supermarkt. Das Markant Magazin hat mit Initiatorin Kristin Mansmann darüber gesprochen, wie dabei ein faires Miteinander von Landwirtschaft und Verbraucher gelingen kann.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den FoodHub in München zu gründen?
Kristin Mansmann:
Der ausschlaggebende Punkt war das Volksbegehren Artenvielfalt Anfang 2019 hier in Bayern, das auch bekannt geworden ist unter dem Motto «Rettet die Bienen». Als Imkerin habe ich viele Veranstaltungen besucht und bin mit vielen Landwirten in Kontakt gekommen. Viele Bauern wollten gerne ihre Produkte selbst vermarkten, taten sich damit aber schwer – auch aus Mangel an Wissen und Zeit. Aus dieser Motivation heraus, haben wir uns entschlossen, den FoodHub zu gründen.  

Was ist der FoodHub genau?
Kristin Mansmann:
Wir sind Deutschlands erster Vollsortiment-Mitmach-Supermarkt. Hier gibt es ausgewählte faire, frische,regionale und überwiegend biologische Lebensmittel zu kaufen. Mit Produkten direkt von teilnehmenden Höfen und Lebensmittelhandwerkern sind wir nachhaltig und gerecht.

Haben Sie im Vorfeld der Gründung Benchmarking betrieben?
Kristin Mansmann
: Ja, das haben wir schon gemacht. Bei unseren Recherchen sind wir auf die südkoreanische Kooperative Hansa Lim, die unglaubliche 1,2 Millionen Mitglieder hat, den Park Slope Food Coop in New York mit satten 17 000 Mitgliedern und Coopérative La Louve, der Genossenschaftssupermarkt in Paris mit mehr als 7000 Mitgliedern gestossen. Dass die Märkte genossenschaftlich organisiert sind, hat uns sehr gut gefallen. Für uns war dann auch schnell klar, dass wir dieses Modell umsetzen wollten.  

Wie funktioniert der Mitmach-Supermarkt?
Kristin Mansmann:
Im FoodHub München können nur Mitglieder einkaufen, das wird auch an der Eingangstür kontrolliert. Da wir eine Genossenschaft sind, gehört der Markt allen Mitgliedern, die dazu Anteile zeichnen müssen. Diese liegen bei einmalig 180 Euro, die man zurückbekommt, wenn man aus der Genossenschaft austritt. Ferner ist es für jedes Mitglied verpflichtend, alle vier Wochen drei Stunden mitzuarbeiten. Die Tätigkeiten sind sehr unterschiedlich, sie reichen vom Einräumen der Regale bis hin zum Organisieren von Events.  

Was sind die Besonderheiten des FoodHubs?
Kristin Mansmann
: Wir haben einen einheitlichen Preisaufschlag auf alle Produkte von 30 Prozent. Das macht zum Beispiel Milch und Butter teurer. Unser Ziel ist es aber, dass jedes Mitglied selbst ausrechnen kann, welcher Betrag davon der Bauer bekommt. Wir machen die Preise für alle transparent. Was wir gar nicht machen, ist, schlechte Industrieprodukte zu subventionieren, nur weil da eine wahnsinnige Marge dahintersteckt. Das Besondere bei uns ist auch, dass wir werbefrei sind. Wir haben keine Aufsteller und bei uns gibt es auch keine Angebote.  

Wie gross ist der Food Hub in München und wie viele Produkte bieten Sie an?
Kristin Mansmann:
Wir bieten auf 340 Quadratmetern Verkaufsfläche ungefähr 7000 Produkte an. Als Vollsortimenter bieten wir vom Klopapier bis zum Apfel alles an, was man auch in einem mittleren Bio-Supermarkt findet. Zudem haben wir ein grosses Sortiment an veganen Produkten, das in Städten ein grosses Thema ist.

Was ist Ihr Bestseller-Produkt?  
Kristin Mansmann:
Das sind Bananen, wie in jedem Supermarkt.

Wo gehen Sie denn einkaufen?
Kristin Mansmann
: Wenn ich mal was vergessen habe oder meine Tochter überlegt sich sehr spontan, dass sie doch noch was anderes essen will, dann gehe ich schon mal bei meinem Bioladen um die Ecke einkaufen. Zu 99 Prozent kaufe ich im FoodHub ein, wie die meisten unserer Mitglieder auch.

Wie gehen Sie mit abgelaufenen Produkten um?
Kristin Mansmann:
Abgelaufene Produkte oder Produkte, die bald ablaufen, werden im herkömmlichen Supermarkt preisreduziert angeboten. Das gibt es bei uns nicht. Wir stellen Schilder auf mit der Aufschrift «Kaufe mich heute». Das Konzept funktioniert, weil die Mitglieder verstanden haben, dass es ihr Markt ist. Ausserdem heisst es ja auch Mindesthaltbarkeitsdatum, es ist also mindestens haltbar. Wir schmeissen fast nichts weg. Obst und Gemüse, das nicht mehr so schön aussieht, kommt in eine Kiste, aus der sich die Mitglieder bedienen können.

Mit wie vielen Produzenten arbeiten Sie zusammen?
Kristin Mansmann:
Ungefähr 70, würde ich sagen. Wir nehmen auch permanent neue auf, die interessante Produkte haben. Natürlich arbeiten wir auch mit dem Grosshandel zusammen, der das ergänzt, was wir nicht direkt lokal beziehen können.

Was heisst das konkret?
Kristin Mansmann:
Produkte, die es lokal gibt, beziehen wir auch lokal. Honig, Fleisch, Milchprodukte, Nudeln, Senf, Kaffee und Käse beziehen wir von hier. Allerdings beziehen wir auch Sorten von einem Käse-Grosshändler, um unseren Mitgliedern ein grösseres Sortiment anbieten zu können. Unser Angebot ist so üppig wie in einer gut sortierten Käsetheke in einem mittleren Supermarkt. Wir versuchen, das, was es gibt, regional zu bekommen. Wir kaufen bevorzugt Ware aus Bayern, dann folgt Deutschland und Europa.  

Warum sollte ein Direktvermarkter seine Produkte bei Ihnen verkaufen?
Kristin Mansmann:
Na ja, weil er keine Zeit dazu hat. Es ist sehr aufwendig, seine Produkte selbst zu vermarkten. Wir bieten ihm sozusagen die Plattform eines kleinen Wochenmarkts. Und anders als im konventionellen Handel muss er auch keine Lieferzusagen machen und wir holen die Ware direkt bei ihm ab. Dies alles macht es attraktiv für den Direktvermarkter, seine Produkte bei uns im FoodHub in München zu verkaufen.  

Sind Wochenmärkte eine Konkurrenz zu Ihnen?
Kristin Mansmann:
Das kann sein, aber die kaufen ja auch zu. Der Punkt ist, dass das Gemüse durch den einheitlichen Preisaufschlag viel billiger ist. Im konventionellen Handel liegt der Preisaufschlag bei normalerweise 60 bis 80 Prozent. Ich denke es ist auch der jeweiligen Lebenssituation geschuldet, wie viel Zeit man für das Einkaufen hat. Bei Familien mit Kindern liegt der Fokus eher darauf, alles in einem Geschäft zu bekommen. Wenn man vielleicht mehr Zeit oder Muse hat, dann geht man trotzdem lieber auf den Wochenmarkt, weil man vielleicht auch gerne mit seinem Bauern redet.

Sie verkaufen nicht nur Lebensmittel, Sie bieten auch Bildungsangebote an. Welches Ziel verfolgen Sie damit?
Kristin Mansmann:
Viele wissen gar nicht, wie Lebensmittel hergestellt werden  und was da eigentlich dahintersteckt. Der Käse liegt halt in der Theke und ist irgendwie da, und man weiss noch, dass er aus Milch gemacht wird, aber welche Problematiken dahinterstecken, wissen sie eben nicht mehr. Wir möchten mit diesen Angeboten diese Zusammenhänge klar machen. Damit möchten wir auch erreichen, dass die Leute ein anderes Bild von dem Produkt erhalten, was hier bei uns in der Kühlung liegt. Das ist einfach wichtig, dass man diese Verbindung schafft. Die Leute hier in Bayern wollen eine kleinteilige Landwirtschaft, die Rücksicht nimmt und ressourcenschonend arbeitet. Da steckt dann aber auch was dahinter und das heisst dann auch was.

Steckbrief

Kristin Mansmann ist auf einem Bauernhof in Norddeutschland aufgewachsen. Sie ist studierte Volkswirtin, hat 18 Jahre im Marketing, in der Unternehmenskommunikation und im Business Development gearbeitet, bis sich 2003 aus einer frühen Liebe ein neues Leben entwickelt hat. Zusammen mit ihrem Bruder hat sich Kristin schon als Kind um mehrere Bienenstöcke im Garten gekümmert. Aus dieser Faszination ist nach einem Sabbatical 2003 eine Firma geworden: die Bioland-Imkerei Berg & Blüte. Sie hat zwei grosse Kinder und lebt mit ihrer Familie und etlichen Bienenvölkern in München. Noch mehr der kleinen fleissigen Familienmitglieder sind rund um München auf dem Land verteilt – daher Berg & Blüte – und emsig auf zwei Almen unterwegs, unter dem Breitenstein und über dem Schliersee.