Chance für neue Szenarien

Donnerstag, 25. März 2021
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Der Handel ist für die Digitalisierung offen. Beim Einsatz bestimmter neuer Technologien wie KI zeigt er sich aber zurückhaltend – und das, obwohl diese gerade jetzt zur Pandemie einen grossen Mehrwert liefern könnten.

Ausgerechnet die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung vorangetrieben. Drei von vier deutschen Unternehmen steckten wegen Covid-19 mehr Geld in ihre Digitalisierung. Grundlage der Angaben ist eine Umfrage, die Bitkom Research im Auftrag des IT-Unternehmens Tata Consultancy Services im Mai/Juni 2020 durchgeführt hat. Dabei wurden 955 Unternehmen mit 100 oder mehr Mitarbeitern befragt. Die Interviews wurden mit Führungskräften durchgeführt, die für das Thema Digitalisierung verantwortlich sind.

Schlüsseltechnologie der Zukunft
«Die Investitionen sind auf einem Allzeithoch», sagt Bhuwan Agrawal, Geschäftsführer Tata Consultancy Services Deutschland. «Insgesamt sind die Entscheider offener für den Wandel als je zuvor und verankern ihn tief in den internen Strukturen.» Spannend sind hierbei die Ergebnisse zum Schlüsselthema der kommenden Jahre: Künstliche Intelligenz (KI). Zwar setzen erst 13 Prozent der deutschen Firmen auf KI. Doch die Potenziale sind gross und die Erwartungen stei Jedes dritte Unternehmen diskutiert darüber, KI einzusetzen oder plant erste Schritte. Fast jedes zweite (46 %) beschäftigt sich mit dem Thema. Auch der Handel ist für die Digitalisierung offen, er agiert jedoch zögerlich beim Einsatz neuer Technologien. Die einzige relativ weit verbreitete Technologie im Handel ist Big Data und Analytics (50 %). Etwa die Hälfte der Unternehmen (53 %) steht der Technologie KI offen gegenüber. Zum Einsatz kommt sie bisher jedoch nur bei 18 Prozent, auch wenn der Handel damit bereits über dem Durchschnitt der befragten Unternehmen liegt (13 %).

Grosse Innovationschancen
Die Branche erkennt im Einsatz von KI vor allem die Möglichkeit, Innovationen anzustossen (58 %). Etwa ein Viertel der Befragten (28 %) nennt eine bessere Kundenbindung als Ziel. Handelsexperte Andreas Stein von Tata Consultancy Services zufolge könnte KI auch die Daten von Kundenprogrammen auswerten und individuelle Angebote vorschlagen. Auch eine Optimierung der Preisgestaltung ist möglich, dadurch, dass der Händler nicht nur die Daten der Wettbewerber als Basis nutzt, sondern auch das Einkaufsverhalten der Kunden einbezieht. Ferner können mit der Technologie die Lagerbestände optimiert werden; sie berechnet, wann ein Produkt besonders stark nachgefragt wird. Mit Hilfe von KI lässt sich auch ein Geschäft noch genauer auf die Kunden in seinem Einzugsgebiet anpassen – einfach, weil sie die eigenen Daten wie Produktdaten, Kundendaten, Lagerbestände oder Preise zusätzlich mit öffentlich verfügbaren Daten wie Einkommensstruktur, Alter oder Geschlecht kombiniert.

Zentralgesteuerte Implementierung
Noch fehlt es dem Handel an Fachwissen: Mehr als die Hälfte der Unternehmen (53 %) berichtet von fehlender Expertise im eigenen Haus, um die Potenziale von KI voll ausschöpfen zu können. Zudem hat der Handel die Besonderheit, dass es neben einer Zentrale durchaus mehrere Tausend Filialen geben kann. In diesem Fall empfiehlt Andreas Stein, eine KI zentralgesteuert zu implementieren. «Das ist ein Projekt, dass sich durch alle Ebenen zieht. Es muss von ganz oben getragen und unterstützt werden müssen. Und es braucht einen Ruck, die guten Ideen einfach umzusetzen.»

 

Interview

«KI kann den guten Kaufmann vor Ort ersetzen»

Andreas Stein ist Handelsexperte bei der Tata Consultancy Services Deutschland GmbH. Das Markant Magazin hat mit ihm über den Nutzwert von KI für den Handel gesprochen.

Herr Stein, was ist Künstliche Intelligenz?
Andreas Stein:
Bei Künstlicher Intelligenz (KI) geht es darum, dass lernfähige Maschinen in der Lage sind, sehr grosse Datenmengen auszuwerten und darin beispielsweise Abweichungen zu erkennen. Das macht wiederum Vorhersagen möglich, indem KI Datenlücken schliesst. KI ist heute schon omnipräsent. Nehmen wir eine Handykamera als Beispiel: die Beautyfilter darin sind nichts anderes als KI, die selbstständig Pickel entfernt und kleine Fältchen glättet, sobald sie ein Gesicht erkennt. Auch hinter dem Bildstabilisator gegen Verwackelungen steckt KI.

Was kann eine KI im Handel leisten?
Andreas Stein:
KI kann zum Beispiel die Preisgestaltung optimieren, indem man nicht nur die Daten der Wettbewerber als Basis nutzt, sondern auch das Einkaufsverhalten der Kunden einbezieht. KI kann die Lagerbestände optimieren, indem sie berechnet, wann ein Produkt besonders stark nachgefragt wird. Sie kann auslesen, welche Influencer welches Produkt bewerben und so Trends vorhersagen. Mit Hilfe von KI lässt sich beispielsweise ein Geschäft noch genauer auf die Kunden in seinem Einzugsgebiet anpassen – einfach, weil sie die eigenen Daten wie Produktdaten, Kundendaten, Lagerbeständen oder Preise, zusätzlich mit öffentlich verfügbaren Daten wie Einkommensstruktur, Alter oder Geschlecht kombiniert. Wichtig ist, dass all diese Dinge auch ein guter Kaufmann kann und weiß. Doch mit KI lässt sich das im großen Stil umsetzen.

Welche Prioritäten sind sinnvoll, um den grössten Nutzen zu erzielen?
Andreas Stein:
Die KI-Einführung ist ein Prozess. Der Händler sollte als Erstes nach Aufgaben suchen, die sich automatisieren lassen. Der nächste Schritt ist, sich zu fragen, wie sich Entscheidungen schneller treffen lassen. Zuletzt kommt der Punkt: Wo kann er automatische Entscheidungen von Maschinen ermöglichen?

Info

Weitere Ergebnisse der Trendstudie „Deutschland lernt KI – Wie Unternehmen digitale Technologien einsetzen“ etwa zum Stellenwert der Digitalisierung in den Unternehmen oder zum Einsatz von Schlüsseltechnologien sowie ausführlichen Branchenergebnissen für den Maschinen- und Anlagenbau, die Informations- und Kommunikationstechnologie, Chemie und Pharma, Banken und Versicherungen, den Automobilbau sowie den Handel gibt es unter www.studie-digitalisierung.de.