Mitgliederkongress

Montag, 07. Juli 2014
Fotos: T. Schindel, S. Brückner

Big Data und die Folgen für Unternehmen und Gesellschaft: Der MARKANT Mitgliederkongress 2014 in München hat einmal mehr bewiesen, dass die MARKANT ihr Ohr direkt am Puls der Zeit hat.

Big Data kann schon heute Unglaubliches leisten: Ein Einzelhandelskonzern aus den USA will etwa über eine Big-Data-Analyse bewiesen haben, dass in Zeiten vor Hurrikans nicht nur nützliche Dinge wie Batterien besonders häufig verkauft werden, sondern auch Schokoriegel. „Das Ergebnis ist zwar nicht unbedingt logisch, aber nützlich“, berichtete Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Internet Institute der Uni Oxford den Teilnehmern des MARKANT Mitgliederkongresses in München. Denn: „Der Konzern stellte die Schokoriegel vor dem nächsten Hurrikan direkt an die Supermarktkasse und verbesserte damit seinen Umsatz“. So einfach läuft Big Data allerdings nicht immer, darin waren sich die Referenten des Kongresses einig – darunter etwa Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo, Wall-Street-Korrespondent Jens Korte, Astronaut Prof. Dr. Ulrich Walter und Philosophieprofessor Dr. Julian Nida-Rümelin.

Reichlich Diskussionsstoff

So sorgte das Thema des Mitgliederkongresses „Vom Internet zum Outernet – Big Data und die Folgen für Unternehmen und Gesellschaft“ denn auch für jede Menge Diskussionsstoff –sowohl bei den rund 250 Führungskräften aus den Reihen der internationalen MARKANT-Mitgliedsunternehmen als auch bei den Referenten. „Big Data könnte in Zukunft einer der zentralen Wettbewerbsvorteile für den Handel werden“, konstatierte MARKANT-Geschäftsführer Franz-Friedrich Müller. Daher dürfe man den Anschluss an Online-Experten wie Amazon in keinem Fall verpassen. „Google versteht den Verbraucher heute besser als wir.“
Der stationäre Handel habe trotzdem eine Chance, indem er auf eine Kombination aus On- und Offline-Handel setzt und auf einen verlässlichen Partner zurückgreift. „Big Data schafft man allein nicht“, so Markus Tkotz, Geschäftsführer MARKANT AG. Daher bietet die MARKANT unterstützende Lösungen zum Thema integriertes Daten-Management an.

Chance oder Gefahr?

Als Big-Data-Gegner positionierte sich Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut: „Wir können nicht aus der Vergangenheit heraus die Zukunft vorhersagen.“ Sein Appell: mehr Mut zur Bauchentscheidung. Und dennoch: Man kann sich aus der aktuellen Daten-Thematik nicht einfach ausklinken. Diesen Standpunkt vertrat etwa Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger, Senator der Fraunhofer-Gesellschaft: „Das Internet der Dinge wird Realität, schon heute gibt es Rechner, die Daten von 240 DVDs innerhalb einer Sekunde übermitteln können“, so der Senator. Das könne auch der stationäre Handel nicht einfach ignorieren, selbst wenn er sein Geld bislang weniger in der Cyberwelt, sondern vielmehr in der realen Welt verdient. „Die Digitalisierung ist Chance und Gefahr zugleich, das gilt auch für den Handel“, so sein Fazit. Philosophisch knüpfte dann zum Abschluss des Kongresses noch der ehemalige TagesthemenModerator Ulrich Wickert ans Thema an. Wickerts Kernaussage: Trotz ökonomischer Freiheit haben sich auch Wirtschaftsunternehmen an ethische Regeln zu halten. Übertragen auf das Thema des Kongresses bedeutet dies: Nur, wer verantwortungsvoll mit Big Data umgeht, kann am Ende profitieren.

Statements

Prof. Dr. Hans-Jörg Bullinger, Senator der Fraunhofer-Gesellschaft
„Die zunehmende Digitalisierung ist in meinen Augen Chance und Gefahr zugleich. Das gilt auch für den Handel, der sich grundlegend verändern muss. Verbraucher können sich heute innerhalb von fünf Minuten eine Portion Obst im Internet bestellen, die Lieferung dauert dann aber mehrere Tage.“

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut
„Im Durchschnitt werden die Hälfte aller Entscheidungen auch heute noch aus dem Bauch heraus getroffen – auch wenn die wenigsten Entscheider das öffentlich zugeben. Daher bin ich der festen Überzeugung, dass das Thema Big Data derzeit viel zu sehr gehypt und gnadenlos überschätzt wird.“

Sascha Lobo, Blogger, Buchautor, Journalist und Werbetexter
„Big Data funktioniert manchmal, aber nicht immer. Die Analyse von sozialen Daten wird häufig überschätzt. So setzte etwa eine niederländische Airline kürzlich Passagiere nach ihren Facebook-Interessen zusammen. Vernachlässigt wurde dabei, dass die meisten Passagiere beim Flug ihre Ruhe wollen.“

Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Internet Institute, Oxford University
„Eine Daten-Analyse hat kürzlich gezeigt, dass orangene Autos weniger reparaturanfällig sind. Dieser Zufall zeigt: Big Data kann lediglich etwas über das ‚Was‘ aussagen und nicht über das ‚Warum‘. In vielen Fällen können die Ergebnisse jedoch trotzdem hilfreich sein.“

Prof. Dr. Harald Welzer, Gründer der Stiftung Futurzwei
„Auch in Zeiten von Big Data ist es immer noch möglich, dass ganze Flugzeuge verschwinden oder plötzlich eine Russland-Problematik auftritt, mit der niemand gerechnet hat. Ich stehe dem Thema Big Data daher eher skeptisch gegenüber: Das, was die Gesellschaft tut, lässt sich nur schwer linear prognostizieren.“

Ulrich Wickert, ehemaliger Tagesthemen-Moderator
„Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Gesellschaft funktioniert. Wer bestimmte Regeln nicht einhält, beispielsweise den Müll nicht trennt, wird schnell vom eigenen Nachbarn über Umweltschutz belehrt. Von solchen ethischen Regeln darf auch die Wirtschaft – trotz vieler ökonomischer Freiheiten – nicht ausgenommen sein.“

Prof. Dr. Ulrich Walter, Wissenschaftsastronaut
„Viele Menschen in Deutschland schauen zu sehr auf die Vergangenheit und viel zu wenig auf die Zukunft. Meiner Meinung nach sollten wir weniger Angst vor Veränderungen haben und bereit sein, neue Dinge ausprobieren – selbst wenn dabei der eine oder andere Fehler passiert.“

Jens Korte, Wall Street Börsenkorrespondent
„Computer treffen heute bereits viele Kaufentscheidungen. Das sieht man etwa daran, wie schnell der Aktienhandel auf verschiedene Ereignisse, wie beispielsweise den falschen Tweet zu einem angeblichen Anschlag ins weiße Haus im vergangenen Jahr, in Sekundenschnelle reagiert."

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie
„Wir erleben derzeit bei den jungen Menschen eine regelrechte Renaissance – zurück zum Humanismus. Themen wie Nachhaltigkeit und Rücksichtnahme stoßen bei den kommenden Generationen auf verstärktes Interesse.“