Megatrends treiben die Entwicklung

Montag, 27. September 2021
Foto: stock.adobe.com/Roman Babakin

«Wohngebiete entwickeln heisst: Nahversorgung mitdenken.» So lautet die zentrale Botschaft einer BBE-Studie. Sie liefert interessante Perspektiven mit internationalem Background. Ein Kernergebnis: Stationäre Nahversorger gehören auch im Städtebau der Zukunft dazu.

Welche Kriterien muss eine nachhaltige Nahversorgung in Wohnquartieren abdecken, um die Bedürfnisse der Anwohner auch in Zukunft zu erfüllen? Dieser Frage ist die BBE Handelsberatung gemeinsam mit der Bouwfonds Immobilienentwicklung (BPD) nachgegangen. Wie komplex die Thematik ist, zeigt der Umfang von 98 Druckseiten der Publikation «Zukunftsszenarien für die Nahversorgung in neuen Wohngebieten».

Verschiedene Megatrends
Bei der Gestaltung lebendiger Wohngebiete geht es laut Han Joosten, Leiter Gebietsentwicklung und Marktforschung bei BPD, um mehr als nur die Bereitstellung von Wohnraum. «Es geht auch darum, eine langfristige und bedürfnisgerechte Nahversorgung sicherzustellen.» Die Studie identifiziert mehrere Megatrends, die Einfluss auf die Nahversorgungspräferenzen haben werden: Urbanisierung, eine wachsende Bevölkerung bei steigender Lebenserwartung, ein Mobilitätswandel mit sich verändernden Arbeitswelten, eine sich weiter auf alle Lebensbereiche ausbreitende Digitalisierung und Automatisierung sowie die zunehmende Bedeutung von Nachhaltigkeit. Megatrends wirken laut Studie langfristig und sind auch nach 25 und mehr Jahren noch wirksam. So gilt die Urbanisierung als eine der wirkungsmächtigsten Megatrends unserer Zeit. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts leben weltweit zum ersten Mal mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Bis 2050 werden es laut Prognosen der Vereinten Nationen fast 70 Prozent sein. Auf Basis dieser Trends wurden dann die Präferenzen der verschiedenen Zielgruppen in Deutschland untersucht. Wie auch immer sich die Zielgruppen im Quartier zusammensetzen, eine Versorgung vor Ort bleibe auch künftig unverzichtbar, betont Joosten mit Blick auf die unterschiedlichen Kundengruppen: «Angesichts einer alternden Gesellschaft, neuer Formen des (mobilen) Arbeitens und der heute bereits stark ausgeprägten Präferenz für zeitsparende Einkäufe ist davon auszugehen, dass der Wunsch nach einer wohnortnahen Versorgung auch in Zukunft Bestand haben wird.»

Die Sicht der Verbraucher
Kaum einer kann die Anforderungen an eine attraktive und zukunftsfähige Nahversorgung besser beurteilen als die Kunden selbst. Deshalb wurden im Rahmen eines Workshops Zukunftsmodelle für die Nahversorgung in neuen Wohngebieten entwickelt. Die Teilnehmer schätzen es, wenn sie Waren des täglichen Bedarfs an einem Standort kaufen können und keine weiten Wege zwischen einzelnen Händlern zurücklegen müssen. Damit rückt das Thema Erreichbarkeit in den Vordergrund. Bereits heute erfolgen 50 Prozent aller Einkäufe in maximal fünf Minuten Entfernung zum eigenen Wohnort. Insbesondere für grössere Einkäufe ist den Teilnehmern zudem eine gute Pkw-Erreichbarkeit wichtig. Trotz der Präferenz für eine stationäre Nahversorgung sehen insbesondere die jüngeren Teilnehmer im Lebensmittel-Online-Handel eine wichtige Ergänzung.

Drohnen im Quartier
Aus diesen Impulsen der Verbraucher haben die Studienautoren das exemplarische Modell der Nahversorgung in einem neuen Wohngebiet am Stadtrand entworfen (s. Infografik). Es wird geprägt durch eine relativ dichte Bebauung, unterbrochen von Grünflächen. Der grosse Platz im Zentrum ist multifunktional bespielbar und wird in erster Linie für den Wochenmarkt genutzt. Im Zentrum befindet sich ein Supermarkt für die Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs. Hinzu kommt ein kleiner kassenloser Convenience-Store für den schnellen Einkauf. Im Wohngebiet verkehren auch kleine autonome Lieferfahrzeuge und Paket-Drohnen, die auch von den Händlern im Quartier genutzt werden.

Viele runde Tische nötig
Damit all das aber Realität werden kann, sei eine zielorientierte Zusammenarbeit vieler Beteiligter erforderlich, betonen die Autoren der Studie: «Neben Entwicklern, Logistik- und Mobilitätsbetreibern sowie den Nahversorgern sind auch Politik und Verwaltung gefragt, um die entsprechenden Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Nahversorgung in neuen Wohngebieten zu schaffen.»
 

 

Statement

Es ist absehbar, dass mit der voranschreitenden Digitalisierung der Lebensmittel-einkauf im Internet für immer mehr Kunden zur Selbstverständ-lichkeit wird. Dabei ist der Online-Einkauf nicht als Ersatz, sondern vielmehr als Ergänzung zum stationären Einkauf zu sehen. Zudem spielt der Aspekt der Nachhaltigkeit für immer mehr Kunden eine wichtige Rolle. Die Bereitstellung einer kanalübergreifenden und nachhaltigen Nahversorgungsstruktur wird damit zu einer zentralen Anforderung bei der Entwicklung neuer Wohngebiete.
Han Joosten, Leiter Gebietsentwicklung und Marktforschung Zentrale BP

 

Erfolgsfaktor

Zukunft Nahversorgung
Die Studie «Zukunftsszenarien für die Nahversorgung in neuen Wohngebieten» identifiziert Voraussetzungen, die im Zusammenspiel den Erfolg der künftigen Wohngebiete ausmachen werden.

  • Die Bewohner erwarten vielfältige Angebote, die in Summe eine Vollversorgung sicherstellen. Dabei gilt es, stationäre und Online-Angebote barrierefrei zu kombinieren.
  • Die stationären Händler sollten an einem fussläufig gut erreichbaren Standort gebündelt werden.
  • Sowohl der Lieferverkehr als auch der Individualverkehr sollten emissionsarm sein. Für den Online-Handel sollte der Einsatz von autonomen Fahrzeugen und Drohnen bereits heute mitgedacht werden.
  • Den ruhenden Verkehr in strategisch gut positionierten Parkräumen bündeln und dabei die Parkflächen der Händler einbeziehen.

 

Internationale Impulse

In den vergangenen Jahren wurden weltweit zahlreiche neue Nahversorgungskonzepte entwickelt, die die Studie für ihre Zukunftsszenarien heranzieht. Drei Beispiele:
Mit der von Amazon entwickelten «Just Walk Out»-Technologie soll das lästige Schlangestehen an der Kasse der Vergangenheit angehören. Die Ladenfläche selbst und die Sortimente entsprechen denen eines herkömmlichen Supermarkts. Alles, was der Kunde zum Einkaufen benötigt, ist ein Kundenkonto und ein Smartphone mit der Amazon-Go-App. Seit 2016 testet das US-Unternehmen «Nuro» die Zustellung von Lebensmitteln mit autonomen Lieferfahrzeugen. Inzwischen ist das Modell «R-2» mit einer Ausnahmegenehmigung testweise ohne Fahrer auf öffentlichen Strassen unterwegs. Der chinesische E-Commerce-Riese Alibaba betreibt inzwischen rund 160 Hema-Supermärkte, die die Bereiche Logistik, Daten sowie Online- und Offline-Handel nahtlos miteinander verbinden. In den Stores werden die Online-Bestellungen abgewickelt und innerhalb von 30 Minuten im Umkreis von drei Kilometern zum Kunden geliefert – rund um die Uhr.