MARKANT Jubiläum

Dienstag, 05. November 2013
Fotos: T. Schindel, S. Brückner, C. Koch

Vereinigte Staaten von Europa – Vision oder Fiktion? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Jubiläumskongresses der MARKANT AG, der Mitte September in Straßburg stattfand.

Für die USA existiert Europa schon heute nicht mehr, die USA wendet sich lieber funktionierenden Volkswirtschaften zu: Diese Aussage stammt von John Kornblum, dem ehemaligen Botschafter der USA in Deutschland. Man mag seine These als sachlich und realitätsbeschreibend einordnen oder als übertrieben, provokant, sogar arrogant ansehen. Kornblum jedenfalls wirft damit auf den Punkt gebracht die Frage auf, welche politische und ökonomische Rolle der „Alte Kontinent“ in einer globalisierten Welt künftig noch spielen wird. Die Antwort lautet: Europa wird dramatisch an Bedeutung verlieren, falls der europäische Einigungsprozess scheitert. Darin waren sich alle Experten einig, die auf der Jubiläumsveranstaltung der MARKANT AG diskutierten – neben John Kornblum der deutsch-französische Publizist und Politikwissenschaftler Prof. Alfred Grosser, der Sozialphilosoph Prof. Oskar Negt, der Politikwissenschaftler Prof. Werner Weidenfeld sowie Prof. Franz-Josef Radermacher, Mitglied des Clube of Rome und Leiter des Instituts für „Datenbanken und Künstliche Intelligenz“ an der Universität Ulm.

Europa besser erklären

Zum Jubiläumskongress „25 Jahre MARKANT AG – 60 Jahre internationale Kooperation“ bat die MARKANT diesen illustren Kompetenz-Kreis zur Diskussion über das Thema „Vereinigte Staaten von Europa – Vision oder Fiktion?“. Als international ausgerichtetes Unternehmen setzte die MARKANT damit eine langjährige Tradition fort, den europäischen Einigungsprozess zum zentralen Thema seiner Veranstaltungen zu machen.
Und dieser Einigungsprozess steht vor ernsthaften Herausforderungen. Prof. Werner Weidenfeld konstatiert ein generelles strategisches und kommunikatives Defizit bei den nationalen Regierungen. Zum Beispiel ist Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Sicht von Weidenfeld eine „hochbegabte Macht-Technikerin“, die in ihrer Eu-ropa-Politik jedoch „keinen großen strategischen Entwurf“ erkennen lässt. Auch Prof. Alfred Grosser rät den nationalen Politikern, ihre „Erklärungs- und Deutungsleistung zu intensivieren“, um die EU-Bürger beim Einigungsprozess mitzunehmen. Defizite sehen die Experten auch bei der demokratischen Legitimation der EU-Gremien. „Die Europäische Union ist ein Eliten-Projekt, bei dem die Eliten bestimmen, was gemacht wird“, kommentiert John Kornblum.

Soziale Verwerfungen

Weiterhin Gefahr droht dem europäischen Einigungsprozess durch die aktuelle Finanz- und Schuldenkrise. Sie lässt einige nationale Volkswirtschaften nahezu kollabieren und befeuert die Diskussion darüber, inwieweit die EU zur Transferunion werden muss. An finanziellen Verteilungsmechanismen zwischen den EU-Staaten und damit „an einer Transferunion führt kein Weg vorbei“, glaubt Prof. Franz-Josef Radermacher und sieht sich damit in weitgehender Übereinstimmung mit den anderen Diskussionsteilnehmern. Dabei geht es auch darum, die durch die Finanzkrise ausgelösten „schweren sozialen Verwerfungen“ innerhalb der EU zu bewältigen, ergänzt Prof. Oskar Negt. Der Sozialphilosoph sieht „die Sozialstaaten durch die Finanzkrise geplündert“ und befürchtet EU-weit eine Zunahme des rechtsradikalen Potenzials. „Wenn der Vereinigungsprozess scheitert, dann nicht an der Währung, sondern an der hohen Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen EU-Ländern“, befürchtet Negt. Auch Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer, der die Abendveranstaltung der MARKANT -Jubiläumstagung mit einem Gastvortrag krönte, erwartet „dauerhaften Schaden“ für den EU-Einigungsprozess, wenn die Jugendarbeitslosigkeit nicht erfolgreich bekämpft wird. Wie Prof. Werner Weidenfeld verweist auch Fischer auf einen „dramatischen Mangel an politischer Führungskraft und an politischer Risikobereitschaft“ innerhalb der EU-Staaten. Laut Fischer ist es zum Beispiel höchste Zeit, den EU-Bürgern klar zu sagen und zu erklären, dass die Nationalstaaten „mehr Souveränität an die EU übertragen müssen und dass wir uns längst auf dem Weg in eine Haftungs- und Transferunion befinden.“ Ernsthafte Alternativen dazu gibt es nicht. Mit Blick auf die globalisierte Weltwirtschaft lautet Fischers Grundsatzfrage an die Bürger und Politiker der EU: „Wollen wir über unser künftiges Schicksal selbst entscheiden oder wollen wir diese Entscheidung anderen überlassen?“

 

25 Jahre MARKANT AG

Franz-Friedrich Müller Geschäftsführer MARKANT AGMarkus Tkotz Geschäftsführer MARKANT AGAndrin Hofmann Delegierter des Verwaltungsrats MARKANT Finanz AG

Der Mitgliederkongress im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums der MARKANT AG in Straßburg stand ganz im Zeichen von Wachstum und Expansion.

Zum 25-jährigen Bestehen der MARKANT AG ließ es sich Franz-Friedrich Müller nicht nehmen, auf die Erfolge der MARKANT zurückzublicken. „Handel ist Wandel – und wir haben in den vergangenen Jahren einen positiven Wandel vollzogen“, so Müller. Selbst im vergangenen Jahr, das mit der Insolvenz des Drogerieriesens Schlecker zunächst unter keinem guten Stern stand: „Wir konnten trotz des Schlecker-Verlustes wachsen und haben erneut bewiesen, dass das System MARKANT funktioniert“, sagte Müller.

Industrie stärker einbinden

Auf seinen Lorbeeren will man sich trotzdem nicht ausruhen. Wichtiges Ziel für die Zukuft ist zum einen die weitere Integration der Industrie. „Wir bieten der Industrie jede Menge Vorteile, daher wollen wir uns künftig auch in Richtung Industriedienstleistungen stärker aufstellen“, ergänzte Markus Tkotz. Eines seiner Beispiele: Mit Hilfe der MARKANT könnten auch kleine Hersteller mit den großen Industrieunternehmen mithalten „Wir sorgen für Chancengleichheit und erhalten damit auch die Vielfalt im Regal“, so Tkotz. Zweites wichtiges Zukunftsthema: die Expansion ins Ausland: „Wir sind dabei, dass Modell Deutschland sukzessive auf andere Länder zu übertragen“, so Müller. Eine ähnliche Strategie hat sich auch die MARKANT Finanz AG für die Zukunft vorgenommen. „In Deutschland stoßen wir allmählich an unsere Wachstumsgrenzen“, so Andrin Hofmann. Ziel ist es daher, die Finanzdienstleistungen in Österreich, der Schweiz und längerfristig auch in Tschechien fest zu etablieren.

 

Von biblischen Vorbildern und Brain-Food

Trendforscher Sven Gabor JanszkyLehren aus der Geschichte, Blick in die Zukunft: Zu ihrem Jubiläumskongress in Straßburg konnte die MARKANT zwei namhafte Referenten gewinnen. Die spannendsten Thesen und Aussagen der Vorträge im Überblick.

Er sei kein Science-Fiction-Autor, sondern ein Wissenschaftler – diese Aussage schickte Trendforscher Sven Gabor Janszky seiner Rede vorweg. So mancher Zuhörer wünschte sich zum Ende des Vortrags trotzdem, dass das Zukunftsbild, das Janszky zeichnete, nicht in allen Facetten zur Realität werde. Beispiel „Internet der Dinge“: Laut Janszky kommen künftig zum Beispiel intelligente Spiegel, die dem Benutzer morgendliche Vorschläge für sein Outfit machen. Oder TV-Geräte, die das Nutzerverhalten seines Besitzers registrieren und ihm auf dieser Basis ein individuelles Fernsehprogramm zusammenstellen. „Derzeit tobt schon der Kampf der Hersteller darum, wer künftig die Macht über diese technologischen Innovationen haben wird“, so Janszky. Gesten- und Sprachsteuerung werden in der Computerbranche derzeit als große Innovation gehandelt. „Schon in fünf Jahren wird es in den Elektronikmärkten Geräte geben, die menschliche Emotionen erkennen und darauf reagieren“, so der Ausblick des Trendforschers.

Zukunftstrend Hirn-Doping

Technisch ist das bereits heute möglich. Auch der Supermarkt der Zukunft müsste sich auf einige Neuerungen gefasst machen: „Es wird künftig nicht mehr nur um Transparenz, sondern auch um Empfehlungen gehen“, so Janszky. Elektronische Hinweise, beispielsweise auf ähnliche Produkte zu günstigeren Preisen, könnten das Einkaufsverhalten beeinflussen und über die Marketingstrategien der Hersteller siegen. Ebenfalls im Kommen: eine neue Generation von Functional Food. Schon heute gibt es in den USA Getränke, die als Hirn-Doping wirken. In einer Umfrage in Deutschland haben laut Janszky 80 Prozent der Befragten geantwortet, dass sie solche Produkte durchaus kaufen würden.

 

Dr. Tomáš Sedlácek, tchechischer Star-Ökonom und Chefvolkswirt

 

Wir müssen uns in der Wirtschaft heute neuen Arten von Krisen stellen: Diese These vertritt Dr.Tomáš Sedlácek, tchechischer Star-Ökonom und Chefvolkswirt bei der Tschechoslowakischen Handelsbank (SOB). „Früher wollten wir Zucker, und keiner konnte welchen bekommen. Heute verfügen wir über Zucker in Massen, und kaum einer will diese Massen kaufen“, so Sedlácek. Seiner Meinung nach eine fatale Situation, denn: Die Menschen in den Wohlstandsländern seien bereits „überfressen“, die Wirtschaft produziere aber trotzdem immer mehr. Ebenfalls fatal: In Krisenzeiten pumpen die Regierungen Geld in die Wirtschaft – Geld, das sie aufgrund ihrer hohen Verschuldungen gar nicht haben. Damit, so Sedlácek, behandelt man aber nicht das Grundproblem der Wirtschaft, sondern sorgt lediglich für weitere Schulden. „Man ist nicht um zwei Millionen Euro reicher, wenn man sich diese nur geliehen hat.“

In fetten Jahren sparen

Um Gegenentwürfe aufzuzeigen, zitiert Sedlácek vorzugsweise aus der Bibel: „Im ersten Buch Mose hat der Pharao in den sieben fetten Jahren nicht die gesamte Ernte verbrauchen, sondern genügend Vorräte in Lager räumen lassen, so dass die Bevölkerung auch in den mageren Jahren überleben konnte.“ Seine Schlussfolgerung: Mit einer solchen Strategie würden große Wirtschaftskrisen auch heute noch ausbleiben, gleichzeitig lässt sich dadurch ein unkontrolliertes Anhäufen staatlicher Schulden vermeiden. Fazit des Chefvolkswirts: „Wenn die Nachfrage nach bestimmten Produkten nicht mehr steigt, sollte man auch keinen künstlichen Bedarf mehr dafür schaffen."

 

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John KornblumJohn Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland
„Europa muss den Gezeitenwechsel meistern. Europa redet zu viel über sich selbst, während seine Position in der Welt ständig schwächer wird.“

Joschka FischerJoschka Fischer, ehemaliger Außenminister der Bundesrepublik Deutschland
„Wir sind im Abwärtstrend, ohne Europäische Union haben wir Deutsche keine Chance im 21. Jahrhundert. Wir brauchen die Vereinigten Staaten von Europa.“

Prof. Oskar NegtProf. Oskar Negt, Sozialphilosoph und Verfasser des „Gesellschaftsentwurfs Europa“
„Die EU scheitert nicht an der Währung, sondern an den sozialen Verwerfungen infolge der Finanzkrise. Es wächst ein rechtsradikales Potenzial heran.“

Prof. Werner WeidenfeldProf. Werner Weidenfeld, Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung an der LMU München
„Über 70 Prozent der Europäer verstehen den europäischen Vereinigungsprozess nicht. Europa leidet unter einem großen Deutungs- und Erklärungsdefizit.“

Prof. Alfred GrosserProf. Alfred Grosser, Soziologe, Politikwissenschaftler und deutsch-französischer Publizist
„Bei allen kulturellen Unterschieden: Fremdenfeindlichkeit ist die gemeinsame Kultur der Europäer.“

Prof. Franz-Josef RadermacherProf. Franz-Josef Radermacher, Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm
„Uns fehlt die Globalisierung der Politik. Europa ist das wichtigste Experiment, das wir haben. Wir machen heute, was die Welt insgesamt noch vor sich hat.“