Gutes Wetter für Sauerkraut

Mittwoch, 17. Februar 2016
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„Management bei Wetter“ macht Schule im deutschen Handel. Die wetterdatengestützte Sortimentsplanung erhöht die Absatzchancen zahlreicher Artikel und verringert auf diese Weise Out-of-stocks.

Kühles, windiges Schmuddelwetter:  perfektes Wetter für Sauerkraut! Dumm, wenn der Marktleiter dann nicht rechtzeitig den höheren Bedarf an Weinsauerkraut bei der Disposition berücksichtigt hat. Out-of-stocks vermiesen dem Kunden vor dem Gemüsekonservenregal die Laune und dem Händler das Geschäft. Zu wissen, wie das Wetter wird und welchen Einfluss es auf das Konsumverhalten hat, ist ein klarer Wettbewerbsvorteil. Man muss dazu keine Glaskugel bemühen. Aber der prüfende Blick morgens gen Himmel reicht auch nicht aus, um am POS optimal auf das Einkaufsverhalten der Kunden vorbereitet zu sein. Tatsächlich kann aber ein ausgefeiltes Analyse- und Prognosesystem auf Basis von Wetterdaten für den Filialort oder die Region bereits im Vorfeld exakt vorhersagen, wie viel mehr oder weniger Artikel einer Warengruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt im Regal sein sollten, damit das Geschäft rund läuft.

Komplexe Datenanalyse

Klar: Akoholfreie Erfrischungsgetränke, Eis und Fleisch sind besonders wetterabhängig, da kann der Händler vielleicht noch auf sein Bauchgefühl vertrauen – und schließt Bedarfslücken rechtzeitig, wenn Wetterfee Claudia Kleinert warme Temperaturen vorhersagt. Doch die Zusammenhänge zwischen Nachfrage und Wetter sind bei vielen Warengruppen und auf Artikelebene sehr viel komplexer und auch nicht unbedingt immer logisch nachzuvollziehen. Welcher Händler käme denn auf die Idee, dass bestimmte Wetterphänomene eine höhere Nachfrage nach Sauerkirschen aus dem Glas, Sauerkraut, Räucherlachs, Zigaretten oder Hunde-Leckerli generieren – oder der Eierspätzle-Absatz um 25 Prozent einbricht, wenn die Tagestemperatur um vier Grad höher liegt, als die normale Durchschnittstemperatur zu dieser Jahreszeit erwarten lässt? Doch genau dies waren einige der zahlreichen „Überraschungsartikel“, die im Laufe eines Projekts bei MARKANT Mitglied tegut als besonders wetterabhängige Warengruppen identifiziert wurden – und mittels einer wetterdatengestützten Disposition zu signifikanten Absatzsteigerungen führten.

Die Wetterprognose für einen begrenzten Raum in der Zukunft erfolgt dabei auf Basis einer umfassenden Analyse von Verkaufsdaten auf Artikelebene aus den zurückliegenden drei bis vier Jahren; diese werden verknüpft mit den damaligen Wetterbedingungen: „Auf diese Weise können wir zuverlässig voraussagen, dass zu einem festgelegten Zeitpunkt das Wetter beispielsweise eine Verdrei- bis Vervierfachung der Buttermilchabsätze erwarten lässt“, sagt Sebastian Glink, Business Unit Manager Retail bei MeteoGroup, einem der größten europäischen privaten Wetterdienste.

Zuverlässige Voraussagen

Dabei lässt sich auch genau prognostizieren, wann der Nachfrageschub nach bestimmten Artikeln zu erwarten ist. Bei Grillfleisch etwa ist entscheidend, wie das Wetter in einigen Tagen sein wird, bei Mineralwasser dagegen entscheidet, wie das Wetter in den letzten drei Tagen war. Die Erklärung dafür: Bei Mineralwasser als typischem Vorratsartikel greifen die Verbraucher bei warmem Wetter zunächst auf ihre Bestände zurück, bevor für Nachschub gesorgt wird. Ein weiteres Ergebnis der systematisierten Wetterprognose: Filialen in der Innenstadt reagieren auf das Wetter anders als solche auf der grünen Wiese oder in der Nähe der Universität, hat man bei tegut festgestellt. Dort ist die MeteoGroup-Softwarelösung seit dem vergangenen Herbst als fester operativer Bestandteil in die automatische Dispositions-Software SAP F+R (Forcecast and Replenishment) integriert. Der tägliche Wetterfaktor wird dabei für die wetterelastischen Artikel an die betreffenden Filialen ausgeliefert und ins tegut System eingelesen. Die Anpassung der automatischen Disposition nimmt ihren Lauf.

Aus Standard-Softwarelösungen zur Analyse und Vorhersage von Wetter lassen sich noch viele weitere Vorteile generieren. Ortsgenaue Wetter-Informationen können den gesamten Einkaufsprozess optimal ausrichten – von der Parkplatzbewirtschaftung über die Gebäudereinigung, das richtige und ausreichende Warenangebot, reduzierte Lagerbestände, die zielgerichtete Werbung bis zur Einsatzplanung des Verkaufspersonals. Die Drogeriemarktkette dm zum Beispiel optimiert Medienberichten zufolge ihre Personaleinsatzplanung seit Jahren europaweit unter Einbeziehung von Wetterprognosen. Diese werden mit weiteren Analysemodulen der Big-Data-Software kombiniert – beispielsweise Ferienterminen, Warenlieferungen oder Baustellen auf den Zufahrtsstraßen der Filialen. Jeder Filialleiter erhält dann den jeweils auf die Vor-Ort-Situation zugeschnittenen Personalplan; die Prognosen der Mitarbeitereinsatzplanung sind bis zu acht Wochen in die Zukunft möglich.

Weitere Infos unter www.meteogroup.com

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Interview

Ralf Petrausch, Leiter automatische Disposition, über den Nutzen von Wetterprognosen für das tegut Sortimentsmanagement

Tegut verfügt seit langem über eine automatische Warendisposition in den Filialen. Mit welchem Ziel haben Sie jetzt die Analyse- und Prognosesoftware eines Wetterdienstes integriert?
Es ging darum, bestimmte äußere Faktoren wie die Einflüsse des Wetters auf das Kaufverhalten unserer Kunden an den rund 280 Filialstandorten genau zu analysieren, welche Artikel unseres Sortiments in allen Filialen überhaupt im Abverkaufsverhalten wetterabhängig sind, welche Wetterfaktoren relevant sind und welches Wetter welchen Einfluss auf die Frequenz hat. Ziel war es letztlich, die Vorhersagequalität unseres F+R-Systems weiter zu optimieren. Welche Prognoseverbesserung können wir mit der Integration der Wetterdaten erreichen? Bei den als wetterelastisch eingestuften Artikeln haben wir uns dann als Ziel gesetzt, die Prognoseverbesserung um fünf Prozentpunkte zu steigern.

Welche Ergebnisse haben Sie tatsächlich erzielt?
Alle Artikel aus allen Warengruppen - von der H-Milch bis zum Gebissreiniger - wurden mit einer Fülle von regionalen Wetterfaktoren abgeglichen. Dabei konnte bei 197.000 Lokationsprodukten ein Wettereffekt nachgewiesen werden. Bei knapp 78.000 Lokationsprodukten konnten wir eine Prognoseverbesserung von mehr als fünf Prozent erreichen. Eis und Getränke zeigten dabei wie erwartet die größte Abhängigkeit, hier haben wir auf Artikelebene und über alle Stores betrachtet teilweise auch erheblich höhere Prognoseverbesserungen erreicht.

Welche Wetterfaktoren spielen eine Rolle?
Wetter ist viel mehr als Temperatur, blauer Himmel oder Niederschlagsmenge. Beim Start haben wir schon insgesamt 179 Einzelfaktoren mit einbezogen und mit allen Artikeln aller Filialen abgeglichen. Inzwischen sind etliche weitere integriert worden wie etwa die Durchschnittstemperatur – oder die gefühlte Temperatur. Letztere ist beispielsweise ein ganz wichtiger Entscheidungsfaktor für das Kaufverhalten!

Wie profitieren tegut und seine Kunden von diesem systematisierten Feintuning der Wetterprognosen?
Die Kunden können sich über eine höhere Regalverfügbarkeit freuen, Tegut profitiert neben höheren Umsätzen von einer Senkung der Kapitalbindung im Lager und von einer höheren Marge. Natürlich sind auch negative Prognosen zu beachten, denn bestimmte Artikel werden bei entsprechender Wetterprognose auch viel weniger gekauft; hier müssen durch entsprechende Disposition Verluste vermieden werden.

Wird die Software schon in allen Filialen eingesetzt?
Wir sind seit August letzten Jahres im Pilotbetrieb; in den vier bisher aufgeschalteten Filialen steuern wir aufgrund der regelmäßig gelieferten Wetterprognosen bereits die Regalverfügbarkeit der wetterabhängigen Artikel. In den nächsten Monaten erfolgt der Rollout des Systems über alle tegut-Filialen, damit werden wir bereits einen hohen Mehrwert erzielen. Aber natürlich denken wir auch schon darüber nach, wie wir die Wetterdaten künftig in anderen Bereichen nutzen können.