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Alles im Wandel

Montag, 18. Mai 2020
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Die Universität St. Gallen hat das Verzehrverhalten der Schweizer Konsumenten ganz genau unter die Lupe genommen – und zeigt erstmals auch, welchen Einfluss dabei die digitalen Medien spielen. Die Kernergebnisse.

Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer ernähren sich nicht strikt vegetarisch oder vegan, sondern werden zu Flexitariern. Gleichzeitig gewinnen Low Carb und High-Protein-Diäten an Beliebtheit. Und: Die Nutzungsbereitschaft digitaler Angebote nimmt zu. Diese und weitere Entwicklungen im Konsum- und Essverhalten haben Prof. Dr. Thomas Rudolph und M.A. Nora Kralle vom Forschungszentrum für Handelsmanagement der Universität St. Gallen in ihrer empirischen Langzeitstudie «Food Consumption 2020» festgestellt. Zum fünften Mal – nach 2003, 2005, 2008 und 2014 – basiert die aktuelle Studie erneut auf über 800 Konsumenteninterviews. Die vielschichtigen Veränderungen im Konsumverhalten würden die Akteure des Schweizer ­Lebensmittelmarkts «vor neue Herausforderungen stellen», so das Fazit.

Regionalität ist Trumpf

Insgesamt hat der Stellenwert der Ernährung im Vergleich zu 2014 noch weiter zugenommen: Die Zahl der Schweizer Konsumenten, die die eigene Ernährung als «wichtig» (eher wichtig bis sehr wichtig) wahrnehmen, ist um 13 Prozentpunkte auf 91 Prozent gestiegen. Nur noch drei Prozent der Befragten ist die eigene Ernährung «nicht wichtig». 2014 waren es noch zwölf Prozent. Die Top 3 Ernährungsweisen sind heute proteinreiche (13 %), vollwertige (11 %) und kohlenhydratarme Ernährung (9 %). Dagegen haben eine fettreduzierte (9 %) und cholesterinarme Ernährung (3 %) im Vergleich zu 2014 deutlich an Beliebtheit verloren (s. ZAHLEN UND TRENDS).

Im Vergleich zu 2014 ist der Anteil der Konsumenten, die nach eigenen Angaben häufig regionale Produkte einkaufen, um neun Prozentpunkte auf jetzt 68 Prozent gestiegen. Insbesondere bei Gemüse (21 %), Früchten (18 %)  und Fleisch (15 %) wünschen sich die Verbraucher ein breiteres Angebot an regionalen Produkten. Hier signalisiert die Studie also noch Potenzial und Handlungsbedarf für Hersteller und Handel. Bei Milchprodukten und Brot hingegen vermissen nur drei beziehungsweise ein Prozent der Befragten eine noch grössere Auswahl an regionalen Produkten.

Click&Collect ist beliebt

In den vergangenen fünf Jahren hat sich auch die Nutzungsbereitschaft ­digitaler Angebote beim Einkauf deutlich weiter entwickelt. Inzwischen sind die Befragten vor allem offen gegenüber der Online-Bestellung von Lebensmitteln nach Hause (39 % würden dieses Angebot nutzen) sowie der Nutzung von Apps zum Scannen von Lebensmitteln (33 % sind dem Angebot gegenüber ­offen). Hingegen können sich lediglich 18 Prozent der Befragten vorstellen, ­Lebensmittel und Kochboxen im Abonnement zu bestellen. Deutlich ausgeprägter ist die Akzeptanz von «Click&Collect»: Jeder Vierte (25 %) würde das Angebot seines stationären Detailhändlers nutzen, Lebensmittel online zu bestellen und dann in der Filiale abzuholen.

Hindernisse auf dem Weg zu einer anderen, aus persönlicher Sicht noch besseren Ernährung sind mangelnde Disziplin (46 %) und fehlende Zeit (31 %). Auch knappe Haushaltskassen sind ein Problem, wenn auch nur für relativ wenige: 16 Prozent der Befragten gaben an, dass die Umstellung auf eine andere Ernährung am fehlenden Geld scheitern würde. Das Angebot im Detailhandel hingegen stellt nur für wenige Schweizer (10 %) eine Barriere dar. Mit seiner Auswahl scheint der Handel also insgesamt gut aufgestellt zu sein. Er muss diese aber laufend aktualisieren, wie die Dynamik in einzelnen Trendkategorien zeigt

Ernährungsweisen in der Schweiz

Info

Klassische Marketingpfade verlassen
Bei der Kommunikation ihrer Angebote und Leistungen für die neuen Ernährungsgewohnheiten müssen Händler und Hersteller ihre klassischen Strategien überdenken. Insbesondere die Ansprache einzelner Zielgruppen werde nicht mehr auf herkömmliche Weise funktionieren, sagen die Handelsforscher der Universität St. Gallen: «Für Anbieter von Nahrungsmitteln fällt die Identifikation von Zielgruppen mit einem homogenen Konsumverhalten schwerer.» Eine erste zielführende Antwort des Handels auf die fortschreitende Ausdifferenzierung der Lebensstile kann aber der kontinuierliche Aus- beziehungsweise Umbau der Sortimente entsprechend der aktuellen Nachfragetrends sein. In der differenzierten Darstellung der Ernährungsgewohnheiten sehen auch die Wissenschaftler aus St. Gallen den praktischen Nutzwert ihrer Studie «Food Consumption 2020»: «Ein Händler, der Trends frühzeitig erkennt, kann proaktiv agieren und sein Angebot entsprechend anpassen.»