Ausgabe:

Smartphone gegen Karte

Freitag, 06. März 2015
Fotos: Girogo, Fotolia/tashka2000

Von A wie Apple Pay über G wie Girogo oder P wie PayPal bis Y wie Yapital: An Anbietern, die in irgendeiner Form Systeme für das kontaktlose oder mobile Bezahlen (Mobile Payment) anbieten, herrscht wahrlich kein Mangel. Das Problem nur: Je mehr Lösungen nebeneinander existieren, desto weniger praktikabel sind sie für den Nutzer. Fachleute vergleichen die Situation mit der einstigen Flut von individuellen Kundenkarten. Die allermeisten von ihnen sind vom Markt verschwunden, weil sie nur von einzelnen Händlern akzeptiert wurden und deshalb auch für den Verbraucher uninteressant waren. Aufgrund des fehlenden Standards machen bislang die meisten Deutschen um mobile Payment ebenfalls einen großen Bogen - noch jedenfalls.

„Traditionell gerne bar“

Dieses Neben- und Durcheinander der Systeme hat bisher auch verhindert, dass sich im Handel flächendeckend ein System etabliert, das dann mit seiner großen Verfügbarkeit auch den Verbraucher überzeugt. Zwar haben inzwischen einige Filialisten im Lebensmittelhandel individuelle Mobile-Payment-Lösungen installiert. Das sind aber proprietäre Lösungen, für die die Kunden eine App des Händlers auf ihr Smartphone laden müssen, die dann auch nur an dessen Checkouts funktioniert. Doch der durchschnittliche Deutsche deckt seinen täglichen Bedarf in mehreren Einkaufsstätten. Würde jede davon eine eigene App oder andere mobile Bezahlmethode entwickeln, müsste der Kunde eine Vielzahl an Accounts verwalten.

Jens Baumgarten, Partner bei der Strategieberatung von Simon-Kucher & Partners, erinnert daran, dass die Deutschen „traditionell einfach gerne bar bezahlen“. Beispielweise wurde 2013 über die Hälfte aller Einkäufe im stationären Handel mit Bargeld bezahlt. Und nur jeder Dritte in Deutschland verfügt über eine Kreditkarte, die ja oft ein wesentliches Element des Mobile Payments ist. Stattdessen sind EC-Karten noch weit verbreitet, denn - so Baumgarten – „das flächendeckende Netz an Geldautomaten ist einfach zu bequem für den Kunden“. Nun wäre es nach Ansicht  vieler Fachleute naheliegend, eine universelle Mobile-Payment-Lösung mit der etablierten EC-Karte zu entwickeln. Aber bis auf die 2012 mit einigem Tamtam von den Banken und Sparkassen eingeführte Lösung „Girogo“ – EC-Karten mit NFC-Chip (NFC: Nahfeld-Funkübertragung) für kontaktloses Zahlen -  tut sich hier bislang nichts. Immerhin wurde Girogo zunächst im Großraum Hannover unter Beteiligung zahlreicher Einzelhändler und später von mehreren nationalen Filialisten breit eingeführt, enttäuscht aber mit seiner geringen Nutzung. Nur etwa 0,75 Prozent der Geldkarten aller Banken seien Mitte 2014 noch aktiv genutzt worden, heißt es aus Kreisen der Banken. Offizielle Zahlen dazu gibt es von den Banken nicht. Einer der gravierenden Nachteile von Girogo: Die Geldkarten müssen zuvor mit Guthaben aufgeladen werden, und die Zahlung ist auf Beträge bis 20,00 Euro beschränkt. Damit ist Girogo für die meisten Einkäufe im Supermarkt von vornherein uninteressant. Gleichwohl halten Fachleute die EC-Karte – auch Girokarte genannt – aufgrund ihrer riesigen Verbreitung grundsätzlich für eine gute Basis für Mobile Payment.

Technik der Wahl ist NFC

Auch die Sparkassen-Finanzgruppe gibt Girogo noch nicht verloren und hat im Februar eine große bundesweite Kampagne angekündigt, bei der auch der Einzelhandel mit ins Boot geholt werden soll. Bis Mitte 2015 sollen insgesamt 45 Millionen Sparkassencards mit der Girogo-Funktion ausgestattet werden. Zeitgleich startet eine neue Kommunikationskampagne: Das kontaktlose Bezahlen wird als eine Facette des Sparkassen-Girokontos auf digitalen Plattformen kommuniziert. Am 1. Mai beginnt auch eine breit angelegte B2B-Händlerkampagne. Sie soll die Sparkassen dabei unterstützen, regionale Akzeptanten für Girogo zu gewinnen und den Kunden die Vorteile des kontaktlosen Bezahlens zu vermitteln. Die von der Agentur Jung von Matt aktuell entwickelte Kampagne stellt echte Händler in den Mittelpunkt. Sie berichten authentisch von den Vorteilen des neuen Bezahlsystems und bieten ein hohes Maß an Identifikation. Dem Handel wollen die Sparkassen umfangreiches Werbematerial inklusive POS-Promotions zur Verfügung stellen.

An einer Mobile-Payment-Lösung der Zukunft arbeiten nicht allein die Banken, sondern vor allem Mobilfunknetzbetreiber, Smartphone-Hersteller, Bezahldienste und Kreditkartenunternehmen. Sie alle entwickeln mit Hochdruck marktfähige Lösungen. Die Technologie der Wahl ist NFC. Positive Impulse in Richtung eines weit verbreiteten Standards steuern aktuell die Kreditkartenunternehmen bei. So teilte Mastercard mit, dass NFC-Zahlungen über Mastercard/Maestro bis 2018 in Deutschland flächendeckend zur Verfügung stehen sollen.

Das Interesse an einer praxistauglichen mobilen Alternative wächst auch am klassischen Point of Sale. Nach einer EHI-Studie haben 23 Prozent der großen Handelsunternehmen bereits NFC-Technologie eingeführt, weitere 47 Prozent planen deren Einführung. Auch die Fachleute von GS1 in Köln bestätigen: „Handelsunternehmen sehen die Chance, Bezahlprozesse zu beschleunigen und damit die Durchlauf-Frequenz an der Kasse zu erhöhen.“ Weniger Bargeld bedeute zudem weniger Aufwand für Zählung und Bargeldlogistik. Letztendlich aber zählt aus Sicht von GS1 das Zustandekommen eines Standards. Gefragt sei „eine mobile Bezahlform, die händler- wie länderübergreifend einheitlich funktioniert“.

Dass sich zahlreiche konkurrierende Verfahren auf Dauer im Markt nicht werden halten können, zeigt auch ein Blick auf die Situation im Onlinehandel. Nachdem Onlineshop-Betreiber ihr Portfolio an Zahlungsverfahren von 2003 bis 2011 kontinuierlich auf zuletzt durchschnittlich 5,5 Payment-Optionen ausgebaut haben, wird das Angebot nun erstmals kleiner, wie die Studie „Payment im E-Commerce Vol. 19“ vom ECC Köln zeigt. Aktuell bieten Online-Händler im Schnitt nur noch 5,1 Zahlungsverfahren an.

Der Deutsche will Rabatt

Was aber könnte die deutschen Verbraucher dazu bewegen, auch beim alltäglichen Einkauf eine mobile Zahltechnik zu nutzen? Darauf liefert die Umfrage „Mobile Payment in Deutschland“ von GS1 Germany und Barcoo Antworten. Die wichtigste Erkenntnis: Die Deutschen erwarten von jedem weiteren Zahlverfahren einen klaren Mehrwert – allerdings weniger vom Systemanbieter als vom Händler. Ein Sofortrabatt auf den aktuellen Einkauf bei mobiler Zahlung wäre für die meisten Befragten der attraktivste Mehrwert. Eine andere Erkenntnis: Mobile Payment hat das größte Potenzial bei den Smartphone-Nutzern. Jeder Zweite kann sich den Griff zum Smartphone beim Bezahlen im Supermarkt und Drogeriemarkt vorstellen. Und: Sogar über 30 Prozent der eigentlich dem Bezahlen mit dem Smartphone abgeneigten Personen können sich vorstellen, doch den Versuch des mobilen Bezahlens zu wagen, wenn sie dafür als Bonus einen Sofortrabatt auf ihren Einkauf erhielten.

Glossar

  • Die Mehrzahl der deutschen Händler favorisiert laut EHIKassenstudie 2014 die Near-Field-Communication (NFC) als kontaktloses Zahlverfahren am Checkout ihrer stationären Filialen. Die beiden anderen Verfahren sind QR-Code und Bluetooth Low Energie (BLE).
  • Auch auf Seiten der Hardware-Lösungen hat NFC bereits ganz klar einen Quasi-Standard definiert, der für das kontaktlose Bezahlen eingesetzt wird. Ob aktiv in Smartphones und ähnlichen mit Batterie betriebenen Devices (z.B. Tablets) oder passiv in Kreditkarten implementiert:Die NFC-Nahfeld-Kommunikation ermöglicht innerhalb einer sehr kurzen Reichweite (max. 10 cm) den Austausch der relevanten Transferdaten mit dem NFC-fähigen Kassenterminal.
  • Die NFC-Terminals für kontaktlose Kartenzahlungen am Checkout können in aller Regel ohne größere Änderung für den Zahlungsverkehr mit NFC-Smartphones eingesetzt werden. Das Mobiltelefon verhält sich gegenüber dem POS-Terminal in diesem Fall wie eine vergleichbare kontaktlose Zahlungskarte mit NFC-Chip.
  • Kundenorientierte Mehrwertdienste gelten als Triebfeder bei der Verbreitung von Mobile Payment. Diese Mehrwerte sind weniger im Zahlungsprozess selber zu fi nden, sondern ergeben sich aus der Integration verschiedenster Mehrwertdienste – zum Beispiel Rabatte, Couponing, Loyalty-Programme oder Zugang zu individuellen Services.
  • Für eine möglichst große Kundenakzeptanz sollten all diese Dienste anwenderfreundlich in einer Mobile Wallet (digitale Geldbörse) zusammengefasst werden.

 

Info

Sowohl Verbraucher als auch der Handel sind bereit, Mobile Payment einzusetzen.

Was Verbraucher wollen
Das größte Nutzungspotenzial beim mobilen Bezahlen verspricht laut der Online-Umfrage „Mobile Payment in Deutschland“ das Thema Mobilität: vom Kleingeld am Parkautomaten über das Bezahlen im Taxi bis hin zum Ticketkauf im öffentlichen Personennahverkehr: Zwei Drittel der Befragten sehen hier eine konkrete Anwendungsmöglichkeit. Jeder Zweite kann sich das mobile Bezahlen aber auch in Tankstellen, Supermärkten, generell beim Shoppen und im Restaurant vorstellen.

Was Händler wollen
2014 gaben in einer EHI-Studie 81 Prozent von 55 deutschen Handelsunternehmen mit über 58.000 Filialen an, dass sie ihre Kassen für Mobile Payment aufrüsten wollen. Das ist der höchste Wert unter allen Investitionsvorhaben rund um die Kasse. Dabei wird NFC von 82 Prozent der Händler als technischer Standard für mobiles oder kontaktloses Bezahlen favorisiert. 50 Prozent wollen ihren Kunden aber auch QRCode basierte Verfahren und knapp 27 Prozent Bluetooth Low Energy (BLE) anbieten. Bei ihren Entscheidungen orientiert sich die Mehrheit der Händler an den Wünschen der Kunden – und nicht an den Vorstellungen der Banken, Kreditkartenunternehmen und anderer Dienstleister wie etwa Google oder Apple. Bevorzugt setzt der Handel (59 %) dabei auf eine übergreifende, universelle Lösung, auf sogenannte Wallets.