Ausgabe:

Mehr Flexitarier

Freitag, 24. Januar 2014
Foto: StockFood

Ein Fleischskandal jagt den nächsten, immer mehr Verbraucher üben Verzicht. Vergeht den Deutschen der Appetit auf Fleisch? Aktuelle Studienergebnisse und Einschätzungen.

Von heute auf morgen kein Fleisch und keine Wurst mehr auf dem Teller oder überhaupt keine Lebensmittel tierischen Ursprungs: Eher selten vollzieht sich der „Ausstieg“ aus dem Fleischkonsum so radikal wie bei Vegetariern und Veganern. Aber: In breiten Kreisen der deutschen Bevölkerung wächst die Bereitschaft, weniger Fleisch zu essen. Einmal in der Woche einen Veggie-Day einzuschieben, Fleisch nur zu besonderen Anlässen zu essen oder nur solches aus Bio-Aufzucht: Studien zufolge kann sich dies die Mehrheit der Bundesbürger schon heute vorstellen. Themen wie Tierhaltung und Fleischkonsum werden in der Bevölkerung stärker diskutiert als früher – sicherlich auch bedingt durch zahlreiche Skandale in der Nutztierhaltung und Fleischwirtschaft. Eine neue Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim hat jetzt untersucht, wie sich der Fleisch- und Wurstwarenverzehr in den letzten Jahren hierzulande entwickelt hat und von welchen persönlichen Lebensstilen und Verbrauchereinstellungen er geprägt wird.

Drei von vier Verbrauchern zählen laut Studie weiter zu den „unbekümmerten Fleischessern“, die ihren relativ hohen Fleischkonsum vermutlich auch zukünftig beibehalten werden. Für jeden zweiten dieser Konsumenten bleibt Fleisch getreu dem früheren CMA-Motto „ein Stück Lebenskraft“ – und landet häufig auf dem Teller. In dieser Gruppe sind Männer überrepräsentiert. Die unbekümmerten Fleischesser sind besonders preisbewusst. Das spiegelt sich auch in der Wahl ihrer Einkaufsstätte wider: Sie kaufen ihr Fleisch eher im Lebensmittelhandel als direkt beim Landwirt oder im Bioladen. Die zweitgrößte Gruppe der Flexitarier (knapp 12%) wird hingegen von Frauen dominiert. Diese besonders gesundheitsbewussten Verbraucher befürworten einen bewussten und maßvollen Fleischkonsum, interessieren sich stark für die Zusammensetzung von Lebensmitteln, aber auch für negative Umwelteffekte der Fleischproduktion und das Tierwohl. Die Bereitschaft, für qualitativ hochwertiges Fleisch den doppelten Preis zu bezahlen, ist schon recht hoch. Eine weitere, ähnlich große Gruppe (rund 10%) plant, den eigenen Fleischkonsum zu reduzieren.

Eine besonders kritische Haltung gegenüber Fleisch zeigen erwartungsgemäß die Vegetarier. Diese kleinste Verbrauchergruppe (knapp 4%) kennt sich nach eigener Einschätzung am besten mit landwirtschaftlicher Tierhaltung aus und hält sich auch bei allen Themen rund um die Ernährung für sehr gut informiert. Sie fühlt unter allen Verbrauchergruppen ihre Gesundheit am stärksten von Antibiotika-Rückständen in Fleisch bedroht.Insgesamt spiegelt die Studie deutlich wider, dass bereits jeder vierte Konsument zunehmend kritisch gegenüber Fleischerzeugung und -konsum eingestellt ist. Fleisch hat in dieser Verbrauchergruppe ein Imageproblem, in erster Linie mit Blick auf die Verbrauchergesundheit, gefolgt von Umweltaspekten der Fleischerzeugung und dem Tierschutz.

Weiteres Ergebnis: Kritische Verbraucher zeichnen sich im Vergleich zu den unbekümmerten Fleischessern durch ein höheres Haushaltseinkommen und einen höheren Bildungsstand aus. Und: Mit zunehmendem Alter verringert sich der Fleischkonsum tendenziell. Insgesamt, so die Studie, werden die Imageprobleme von Fleisch Auswirkungen auf das Konsumverhalten haben – auch wenn die Veränderungsprozesse langsam ablaufen. Daher raten die Experten Fleischwirtschaft und Handel dazu, die Preisbereitschaft der Flexitarier durch entsprechende Qualitäts- und Marketingkonzepte für sich zu nutzen. Entscheidenden Einfluss auf die Höhe des Fleischkonsums habe dabei die Gesundheitsbewertung von Fleisch

Info

Fleischmarkt:
Deutschland liegt beim Fleischverzehr im europäischen Vergleich im Mittelfeld, deutlich hinter Ländern mit vergleichsweise hohem Fleischverzehr wie Spanien oder Dänemark. Mit insgesamt 59,5 Kilogramm lag der Fleischverzehr (inkl. Fleisch- und Wurstwaren) pro Kopf laut Branchenverband BVDF (Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie) hierzulande 2012 um beachtliche 2,1 Kilo unter
dem Vorjahreswert. Parallel dazu sank auch der Pro-Kopf-Verzehr von Wurst und sons-
tigen Fleischerzeugnissen von 30,6 auf knapp 30 Kilogramm.

Trend:
Die Fleischwarenindustrie sieht trotz sinkender Nachfrage noch keine Trendwende im Fleischkonsum der Deutschen. Der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch und Wurstwaren sei in den vergangenen Jahren bemerkenswert stabil gewesen, berichtet der BVDF in seinem aktuellen Geschäftsbericht. Zwar sanken die Einkaufsmengen 2012 erstmals seit langem wieder. Dafür waren aber aus Branchensicht nicht geänderte Konsumbedürfnisse der Grund, sondern gestiegene Preise für Rohstoffe und Energie sowie eine zu kühle und regnerische Grillsaison.