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Lebensmittelverschwendung

Mittwoch, 07. Oktober 2015
Foto: Fotolia (Pixavril)

Lebensmittelverschwendung erreicht in Deutschland gigantische Ausmaße. Das geht auch den Handel an. Hier ist das Vermeidungspotenzial nach Einschätzung des WWF besonders hoch. Was die Unternehmen tun können.

Altes Brot, Joghurt mit abgelaufenem MHD, Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern: In Deutschland landen nach Schätzung der Umweltorganisation WWF World Wildlife Fund jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Die Menge entspricht fast einem Drittel des deutschen Nahrungsmittelverbrauchs. Die neue WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ kritisiert diese hohe Lebensmittelverschwendung in Deutschland – und warnt vor den Folgen für Klima und Umwelt.

Auch ohne den Einsatz neuer Technologien seien zehn der anfallenden 18 Millionen Tonnen bereits heute vermeidbar, sagt der WWF, etwa durch ein verbessertes Management entlang der gesamten Wertschöpfungskette, nachhaltigere Marketingstrategien und veränderte Konsumgewohnheiten. Umgerechnet werden zur Erzeugung dieser Menge dafür jährlich 2,6 Millionen landwirtschaftliche Nutzfläche benötigt, das entspricht etwa den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Saarland. Zusätzlich befeuert dieser riesige Essensberg unnötigerweise den Klimawandel, heißt es beim WWF, denn damit werden Treibhausgas-Emissionen in Höhe von 48 Millionen Tonnen freigesetzt.

Die WWF-Wissenschaftler haben die Verluste entlang der Versorgungskette vom Acker hin bis zum Verbraucher beobachtet; dabei nehmen die Verluste zum Ende der gesamten Wertschöpfungskette hin deutlich zu. So steht beispielsweise der Privathaushalt am Ende der Kette mit 40 Prozent der Gesamtverluste besonders im Fokus, hinzu kommen aber auch Verluste bei der Produktion und in der Gastronomie. Auch Groß- und Einzelhandel tragen mit dazu bei: Von den 27.000 Tonnen Gesamtverlusten an Nahrungsmitteln pro Tag entfallen immerhin knapp 2,6 Tonnen auf diesen Teil der Versorgungskette. Obst und Gemüse sowie Hackfrüchte weisen dabei einen vergleichsweise hohen Verlustanteil auf, Lebensmittel tierischen Ursprungs tendenziell niedrigere Einbußen. Allerdings ist nach Darstellung des WWF die Datenlage gerade hier sehr diffus und unsicher. Als mittlerer Wert aus verschiedenen Untersuchungen (u.a. vom EHI Retail Institute) nennt die Umweltorganisation im Groß- und Einzelhandel hier eine Größenordnung bis zu sieben Prozent (nur Einzelhandel: 6%). Die Gründe liegen weniger in technologischen Restriktionen, sondern vielmehr in Marketingmaßnahmen und Konsumentenerwartungen an Frische und Verfügbarkeit sowie an Optik und Textur der Lebensmittel. Gesundheitliche Risiken, die zu einem Ausschluss der Ware führen, etwa durch Temperaturstörungen in der Kühlkette oder bei Ablauf von Haltbarkeitsdaten, sind hingegen von nachrangiger Bedeutung.

Dennoch kann der Handel sehr viel dazu beitragen, an dieser Stelle der Wertschöpfungskette durch Vermeidung von Abfällen für mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu sorgen. Laut Studie sollen das Potenzial, die Verluste durch geeignete Strategien zu verringern, mit bis zu 90 Prozent am höchsten sein, da nahezu alle Produkte konsumfertig sind. Mit dem Engagement für die über 900 städtischen Tafeln in Deutschland leistet der Einzelhandel hier schon einen Beitrag zu nachhaltigerer Wirtschaft, weil die im Handel und bei Herstellern eingesammelten überschüssigen, aber qualitativ einwandfreien Lebensmittel sozial und wirtschaftlich benachteiligten Menschen zugute kommen.

Dabei handelt es sich um Produkte, die nach eigenen Angaben kurz vor Ende des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) stehen. In der Praxis erfolgt allerdings auch die Ausgabe abgelaufener Lebensmittel, wobei die Mitarbeiter der Tafeln durch entsprechende Schulungen die Unbedenklichkeit dieser Artikel selbst vor der Ausgabe an Endverbraucher prüfen. Die Menge der gelieferten Waren an die Tafeln (etwa 100.000 Tonnen im Jahr) macht hierbei allerdings im Vergleich zur Menge der insgesamt im Müll entsorgten Lebensmittel einen relativ geringen Teil aus. 

Zeit zum Handeln

Die Politik hat sich sowohl von Seiten der EU wie der Bundesregierung des Themas zwar angenommen und sich das Ziel gesetzt, die Lebensmittelverluste bis 2020 zu halbieren. Bislang gibt es jedoch keine Strategie, die darlegt, wie diese Verschwendung von Lebensmitteln und natürlichen Ressourcen konkret erreicht werden sollen. Die Ergebnisse der Studie weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Datenlage noch unzureichend und „Schätzungen die Methode der Wahl“ seien. Ohne valide Datengrundlage könnten jedoch weder konkrete Zielvorgaben gemacht noch für die einzelnen Bereiche ein umfassenden Monitoringsystem zur Messung der erreichten Ziele etabliert werden. Darüber hinaus fehlte es an Handbüchern beziehungsweise einer guten fachlichen Praxis für die Unternehmen, wie am besten Lebensmittelabfälle vermieden werden könnten. Die alleinige Fokussierung auf den Verbraucher scheint dabei wenig hilfreich; schließlich handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Thema, bei dem alle Akteure in die Pflicht genommen werden und an einem Strang ziehen müssen. Für die betroffenen Unternehmen, insbesondere auf der Ebene der Weiterverarbeiter, dem Groß- und Einzelhandel sowie den Großverbrauchern gibt es dabei das größte Vermeidungspotenzial. Dabei empfehlen der WWF und die Verbraucherzentrale NRW auch, privatrechtliche Normen und Verträge für Lieferanten dahingehend zu überprüfen, wie weit sie zur Verursachung von Lebensmittelverschwendung beitragen. Eine wichtige Rolle spielen zudem externe und interne Kommunikationskampagnen, die für die Vermeidung von Lebensmittelabfällen werben und die Wertschätzung für Lebensmittel allgemein erhöhen sollen.

Info

Lebensmittel müssen in der EU, so auch in Deutschland, mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum gekennzeichnet werden. Das MHD gibt an, bis zu welchem Termin ein Lebensmittel bei sachgerechter Aufbewahrung (insbesondere Einhaltung der im Zusammenhang mit dem MHD genannten Lagertemperatur) auf jeden Fall ohne wesentliche Geschmacks- und Qualitätseinbußen sowie gesundheitliches Risiko zu konsumieren ist. Das es sich um ein Mindesthaltbarkeitsdatum handelt, sind Lebensmittel in der Regel auch nach dem angegebenen Datum noch verzehrbar.

Händler müssen Lebensmittel mit abgelaufenem MHD laut Gesetz nicht aus dem Regal nehmen. Die Haftung für die Produkte geht dann allerdings vom Hersteller auf den Händler über. Er muss prüfen, ob die Lebensmittel einwandfrei sind. Werden diese Lebensmittel verkauft, muss der Händler am Regal auf das abgelaufene MHD hinweisen. Der Preis muss nicht reduziert werden. Häufig ist das aber der Fall, um den Abverkauf zu beschleunigen. In der Praxis werden die Lebensmittel jedoch oftmals mehrere Tage sogar bis zu einer Woche vor dem Erreichen des MHD aus dem Verkauf genommen.