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Fachkräftemangel: Problem nicht aussitzen

Freitag, 06. März 2015

Der viel beschworene Fachkräftemangel betrifft zunehmend auch den Handel. Wie die Lage ist, was die Branche unternimmt und wo noch Handlungsbedarf besteht. Ein Überblick.

Das Thema Fachkräftemangel beschäftigt Personaler quer durch die Branchen. Das zeigt eine Ausbildungsumfrage des DIHK von August 2014. 2013 konnte der Handel als wichtiger Arbeitgeber 26 Prozent aller angebotenen Ausbildungsplätze nicht besetzen. Damit sind die Betriebe zwar im Branchendurchschnitt (= 29%) leicht unterproportional betroffen. Doch die Lage verschärft sich auch hier zunehmend: Allein von 2012 auf 2013 stieg dieser Wert um volle sieben Prozentpunkte. Nicht nur die Demografie, die zu stetig sinkenden Schulabgängerzahlen führt, leistet der weiteren Zuspitzung der Situation im Handel Vorschub. Als Ausbildungshemmnis Nummer eins gilt laut DIHK-Umfrage die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger. Dies betrifft sowohl ungenügende Mathematik- und Deutschkenntnisse wie auch die sozialen Kompetenzen, etwa Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit und Disziplin.

Jedes fünfte Unternehmen plant keine Maßnahmen gegen Fachkräftemangel

Von Seiten der Handelsunternehmen sind immer mehr Engagement und Kreativität gefragt, um den eigenen Personalbedarf langfristig zu sichern. Die Maßnahmen, die bei den vom DIHK befragten Unternehmen auf der To-do-Liste stehen, sind weit gefächert – von der Intensivierung der Mitarbeiterbindung über die Weiterbildung älterer Mitarbeiter und familienfreundlichere Arbeitgeberpolitik bis zu vermehrter Ausbildung. Klar ist aber auch: Mehr als jedes fünfte Unternehmen plant derzeit keine Maßnahmen, um drohendem Fachkräftemangel vorzubeugen. Das Problem lässt sich jedoch nicht einfach aussitzen.

Berufsorientierung ist wichtig

Die Berufsorientierung über Praktika sei neben dem Internet ein wichtiger Ansatzpunkt, um Jugendliche für eine duale Ausbildung im Handel zu begeistern, sagt der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Derks. Einige MARKANT Mitglieder wie Kaufland und Rossmann sehen sich im Fachkräfte-Wettbewerb bereits gut aufgestellt: Die frühzeitige Entwicklung entsprechender Aus- und Weiterbildungskonzepte und Imagearbeit trägt dazu bei, den qualifizierten Nachwuchs weitgehend aus den eigenen Reihen zu decken und hilft so, Engpässe zu vermeiden.

Kaufland entwickelt Fachkräfte aus den eigenen Reihen

Bei Kaufland beispielsweise werden jährlich mehr als 1.000 Ausbildungs- und Studienplätze zur Verfügung gestellt. Diese sind laut Unternehmensangaben, „auf Basis eines glaubwürdigen Personalmarketings, schneller Rekrutierungsprozesse und der personalpolitisch priorisierten Entwicklung aus den eigenen Reihen“ auch grundsätzlich gut zu besetzen. Lediglich bei einigen Spezialistenfunktionen wird es nach Kaufland-Darstellung kontinuierlich schwerer, diese abzudecken. Die häufige Klage der Branche über die mangelhafte Eignung von Bewerbern will das Unternehmen nicht teilen. Ein Problem sieht man in Neckarsulm eher im Image der Handelsbranche, das kein vollständiges Bild von den vielfältigen Tätigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten vermittle. Hier liegt aus Sicht von Kaufland für die Branche ein Ansatzpunkt, sich sach- und wertgerechter in der Öffentlichkeit darzustellen.

Rossmann gehört zu den beliebtesten Ausbildern

Die Drogeriemarktkette Rossmann scheint in dieser Hinsicht kein Problem zu haben. Gemäß Trendence-Schülerbarometer gehört das Unternehmen zu den 100 beliebtesten Ausbildungsunternehmen in Deutschland. Insofern hat Rossmann keine Nachwuchs-Probleme. 2014 wurden 515 neue Azubis eingestellt; beworben hatten sich insgesamt 15.000 Kandidaten. Die Gesamtzahl der Rossmann Azubis ist damit bundesweit auf mehr als 1.200 angestiegen. 2015 sollen 750 neue Ausbildungsplätze geschaffen werden. Insgesamt bietet Rossmann den Unternehmensbereichen Vertrieb, Logistik und Verwaltung über 600 Ausbildungsplätze in zehn Ausbildungsberufen und drei Studiengängen an und gibt bei guten schulischen und betrieblichen Leistungen eine Übernahmegarantie. Begleitend zur Ausbildung wird ein umfangreiches Spektrum an Fördermaßnahmen angeboten. Seit dem letzten Jahr gehört dazu auch die Disziplin „Persönlichkeitsentwicklung“ an Bord eines Segelschiffes. Dort wird nicht nur für die IHK-Abschlussprüfung gebüffelt, sondern das Sailtraining, die Mitarbeit am Betrieb des Segelschiffes, soll zugleich auch die Sozialkompetenz der angehenden Kaufleute fördern.

 

INTERVIEW

HDE-Geschäftsführer Bildung/Berufsbildung Wilfried Malcher zum Fachkräftemangel im Handel.

Wie wichtig ist der Handel als Arbeitgeber?
Der Handel sorgt für jeden zwölften Arbeitsplatz! Insgesamt lernen in der Branche nahezu 160.000 Auszubildende. Im letzten Jahr haben etwa 70.000 junge Menschen im Einzelhandel ihre Berufsausbildung begonnen, allein mehr als 26.000 als Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel, rund 25.000 im Verkäuferberuf.

Wie gravierend ist der Fachkräftemangel in dieser Branche?
Verglichen mit dem MINT-Bereich* hat der Handel einen eher geringeren Fachkräftemangel. Allerdings gibt es zunehmend Probleme, Ausbildungsplätze mit geeigneten Bewerbern zu besetzen und gute Fachkräfte, zum Beispiel für Kundenberatung, E-Commerce und den gesamten IT-Bereich zu finden. Diese Probleme werden im Handel größer, zumal die Studierneigung weiter wächst.

Und das erschwert die Suche nach geeigneten Kandidaten?
Der Handel braucht neben guten Hochschulabsolventen weiterhin eine große Zahl gut ausgebildeter Fachkräfte mit hoher Weiterbildungsmotivation. Denn nach wie vor haben im Handel beruflich Qualifizierte beste Karriere- und Beschäftigungschancen.

Gibt es – regional gesehen – besondere Brennpunkte?
Die Probleme sind in den südlichen Bundesländern und in Ballungsräumen größer als in ländlichen Regionen. Aber: Wenn ein Händler Arbeits- oder Ausbildungsplätze nicht mit geeigneten Kandidaten besetzen kann, hat er immer ein aktuelles Problem, das kurzfristig nur schwer zu lösen ist.

*Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik

 

STATEMENTS

Langfristige und umsichtige Personalplanung vermeidet Fachkräftemangel. MARKANT Mitgliedsbetriebe haben rechtzeitig vorgesorgt.

„Selbstverständlich ist das Image des Arbeitgebers wichtig. Rossmann gehört laut Trendence-Schülerbarometer zu den 100 beliebtesten Ausbildungsunternehmen. Insofern können wir unsere Ausbildungsplätze nach wie vor alle gut besetzen. Wir bilden unsere jungen Mitarbeiter gut aus und haben ein umfangreiches Angebot an Fördermaßnahmen, das die Lehre begleitet. Dazu zählt auch die Persönlichkeitsentwicklung.“
Rossmann, Burgwedel

 

"Wir konnten in den letzten Jahren fast alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Herausforderungen ergeben sich für uns immer dort, wo strukturelle und sozio-ökonomische Rahmendaten die Stellenbesetzung grundsätzlich erschweren, zum Beispiel in strukturstarken Ballungszentren wie München und Hamburg – oder bei Absolventen in stark nachgefragten Studiengängen, etwa Ingenieure."
Kaufland, Neckarsulm