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Bargeldloses Bezahlen: Plastik statt Bares

Mittwoch, 19. November 2014
Foto: Masterfile

Banken in Schweden stellen den Bargelddienst ein. Und wer in Stockholm Bus fahren will, kann beim Einsteigen eine Fahrkarte nur über das Handy kaufen. Naht das Ende des Bargeldes?

Was in Schweden bereits Realität ist, ist hierzulande noch nicht in Sicht. Zwar sehen auch in Deutschland Finanzdienstleister und der Handel Vorteile im bargeldlosen Verkehr. Aber es gibt zurzeit keine konkreten Schritte in Richtung der Abschaffung von Bargeld, versichert der Bundesverband Deutscher Banken. Die Megatrends der Zukunft bereiten allerdings auch bei uns das Terrain für einen neuen Umgang mit Geld vor. Motor ist die digitale Transformation der Gesellschaft durch die fortschreitende Mobilität und Vernetzung der Menschen. Schon heute zahlen viele Konsumenten in Deutschland lieber ohne Münzen und Scheine. Im Geschäft greift jeder Dritte ab 14 Jahren bevorzugt zur Girokarte, Kreditkarte oder zu einem mobilen Zahldienst via Smartphone. Dies entspricht 24 Millionen Bundesbürgern. So lautet das Ergebnis einer Umfrage im Auftrag des Hightech-Verbands Bitkom. Damit liege Deutschland noch weit hinter Großbritannien, Frankreich oder Skandinavien, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Dabei seien bargeldlose Zahlungen sicherer. Bezahlkarten und Smartphones ließen sich im Verlustfall einfach sperren, böten verschlüsselte Zahlvorgänge und verringerten dadurch mögliche Schäden, so Rohleder. Viele Verbraucher sehen das laut Umfrage ähnlich: Jeder Zweite, der lieber bargeldlos zahlt, gibt dafür Sicherheitsgründe an.

Der Sicherheitsaspekt, den Anbieter von Kreditkarten und Geldinstitute gerne in den Vordergrund rücken, ist aber nur die halbe Wahrheit, werfen Kritiker ein, denn die Institute verdienten an jedem mit Kreditkarte bezahlten Kauf mit. So belaufen sich die Entgelte für den Kreditkarteneinsatz hierzulande auf im EU-Vergleich saftige 1,8 Prozent, die der Handel dann über höhere Preise an den Verbraucher weitergibt. Bei der EU-Kommission reifen bereits Pläne, die Kartenentgelte im Interesse einheitlicher Wettbewerbsund Geschäftsbedingungen auf höchstens 0,2 Prozent für Debitkarten und 0,3 Prozent für Kreditkarten zu deckeln.

Höhere Ausgaben mit Karte

Für den Handel ist das bargeldlose Einkaufen aus einem anderen Grund interessant: Untersuchungen belegen, dass Konsumenten mit Kreditkarten mehr ausgeben als mit Bargeld. Dem Handelsforschungsinstitut EHI zufolge lag der Anteil des Kartenumsatzes 2012 am Gesamtmix der Zahlungsarten im deutschen Einzelhandel erstmals bei über 40 Prozent. Auch in Österreich und der Schweiz setzt sich das bargeldlose Bezahlen immer mehr durch. So bilden in Österreich die Supermärkte eines der populärsten Einsatzgebiete für Kartenzahler. Zwischen 35 und 40 Prozent aller Lebensmitteleinkäufe werden in der Alpenrepublik mittlerweile mit Karte bezahlt. Seit Ende 2013 werden in der Schweiz verstärkt NFC-Kartenleser in Läden eingesetzt. Mit der stärkeren Verbreitung steigt auch die Zahl der Nutzer. Auch in Deutschland bieten zahlreiche Geschäfte und Restaurants ihren Kunden bereits die Möglichkeit der kontaktlosen Zahlungsabwicklung an, darunter dm Drogeriemärkte. Kontaktloses Bezahlen ist unabhängig vom Betrag möglich. Unterhalb von 25 Euro erfolgt die Zahlung in der Regel ohne Unterschrift oder PIN-Eingabe. Bei Beträgen über 25 Euro wird wie gewohnt um die Unterschrift oder die Eingabe der PIN gebeten.

Virtuelle Bezahlmethoden

Doch die Kreditkarte ist nicht die Zukunft des Bezahlens. Mit dem Mobile Payment zeichnet sich bereits die nächste Stufe der Mobilisierung ab – Stichwort Near-Field-Communication (NFC) – so das Zukunftsinstitut in seiner Studie „Gutes Geld“. NFC-Chips ermöglichen eine schnelle, drahtlose Kommunikation zwischen zwei Endgeräten. Die NFC-Chips würden in den kommenden Jahren  sowohl in mobile Endgeräte als auch in Händlerterminals installiert und damit zum Treiber für das Mobile Payment, so die Forscher. Neben dem einfacheren Bezahlen via Smartphone würden dabei auch Mehrwertdienste eine Rolle spielen, von Authentifizierungen und Zugangsberechtigungen bis hin zu Ticketing, Couponing und Loyalty-Programmen. Als Vorreiter bei der Forcierung des virtuellen Bezahlens sieht das Zukunftsinstitut nicht die Kreditkartenriesen Visa und Mastercard, sondern digitale Big Player wie Google und Ebay, die mit den virtuellen Bezahlmethoden zum Sprung ansetzen, die reale Welt des Einkaufens zu erobern. Basierend auf der NFC-Technologie solle etwa Google Wallet als App für Android-Smartphones die virtuelle Brieftasche mittelfristig zur Plattform für alle gängigen Kreditkarten erweitern. Waren werden vom Handy berührungslos registriert und automatisch an der Kasse bezahlt. Ebay setze dagegen auf sein Tochterunternehmen PayPal und eine App, mit der Barcodes oder QR-Codes eingescannt und direkt über den PayPal-Account bezahlt werden können.

Pro und Kontra einer bargeldlosen Gesellschaft

Die Folgen des virtuellen Bezahlens für die Gesellschaft und die Ökonomie werden kontrovers diskutiert. In einer Welt ohne Bargeld täten sich Notenbanken und Politik leichter, Konjunkturkrisen zu dämpfen, argumentieren Befürworter einer bargeldlosen Gesellschaft. Außerdem würde sich der Staat neue Steuerquellen erschließen, weil die Schattenwirtschaft ausgetrocknet werde. Schließlich könnte mit der Abschaffung des Bargelds auch ein Schlag gegen die organisierte Kriminalität und den internationalen Terrorismus gelingen, weil die durch das Bargeld gestiftete Anonymität verloren ginge. Die Kehrseite: Jeder Einkauf kann auf den Käufer zurückgeführt werden. Das sei bedenklich für die Bürgerintegrität, halten Kritiker der Vision einer bargeldlosen Welt gegen.

Info

Prof. Dr. Dorothea Schäfer, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), zu Pro und Kontra bargeldlosen Bezahlens.

PRO

  • Geringere Transaktionskosten.
  • Es findet kein physischer Transport von Bargeld mehr zwischen Handel und Banken und durch die Kunden des Handels statt.
  • Die Nachvollziehbarkeit von Zahlungen aufgrund der Dokumentation von Geldbewegungen zwischen elektronischen Konten wird dadurch erleichtert.
  • Schwarzgeld kann verfolgt werden, wenn Banken den Informationsaustausch gewährleisten.
  • Keine Fälschungsgefahr.

KONTRA

  • Verbraucher ohne Konto werden unter Umständen ausgeschlossen oder benachteiligt.
  • Es droht eine erhöhte Gefahr bei mangelnder Wachsamkeit.
  • Bei Störungen in der für den bargeldlosen Zahlungsverkehr notwendigen elektronischen Infrastruktur wäre das Bezahlen zeitweise unmöglich, was Kosten verursachen würde.

 

Studie

Gutes Geld – Bezahlen, Investieren und die Wertschöpfung der Zukunft

Hat das Medium Geld in Zeiten der Digitalisierung eine Zukunft? Diese Frage beantwortet das Zukunftsinstitut in seiner neuen Studie „Gutes Geld – Bezahlen, Investieren und die Wertschöpfung der Zukunft“. Die Autoren veranschaulichen die Auswirkungen der zunehmenden Virtualität und Mobilität des Lebens auf die Finanzwelt von morgen und beschreiben mögliche neue Formen und Funktionen des Geldes in der Zukunft.

Angaben zur Studie „Gutes Geld“
Autoren: Christian Schuldt, Christian Rauch, Anja Kirig, Thomas Huber
Erscheinung: Sept. 2014
Seitenanzahl: 89 Seiten
ISBN: 978-3-938284-90-2
Preis: 220,- €