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Convenient und nachhaltig

Mittwoch, 11. März 2020
Foto: AdobeStock (karepa)

Alu oder Kunststoff werden zunehmend bei Fertiggerichten durch nachhaltigere Verpackungen ersetzt. Auf welche alternativen Lösungen die Markenartikler setzen.

Ob ein Produkt im Einkaufskorb landet, ist heute auch eine Frage der Verpackung: Laut YouGov haben 46 Prozent der Deutschen im Supermarkt schon einmal auf einen Kauf verzichtet, weil das gewünschte Produkt in Plastik verpackt war. «Verbraucher sind für das Thema Verpackungsmüll sensibilisiert und versuchen bereits beim Einkauf, aktiv Abfälle­ zu vermeiden», so YouGov. Für Handel und Industrie bestehe grosser Handlungsbedarf, denn nur wenige Verbraucher seien «mit dem derzeitigen Angebot zufrieden».

Umweltgerechte Materialien

Für Anbieter von Fertiggerichten bedeutet der Konsumentenwunsch nach Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit vor allem eine bessere Recyclingfähigkeit und die Verringerung des Plastikanteils.
Seit 2016 verpackt Frosta alle Gerichte in einer «sortenrein recycelbaren Folie aus dem Monomaterial Polypropylen, das zehn Prozent Plastik einspart und mit wasserbasierten Farben bedruckt wird». Da jedoch noch viel zu wenige Plastikverpackungen recycelt würden, erfolge aktuell die Umstellung der ersten Produkte auf einen reinen, ungebleichten Papierbeutel. «Dieser kann im Altpapier recycelt werden», sagt Marketing-Vorstand Hinnerk Ehlers.

Auch bei Agrarfrost setzt man auf weniger Plastik: Die 2019 neu eingeführte Beutelverpackung mit reduzierter Folien­stärke bestehe aus einer umweltgerecht recycelbaren Polyethylen-Monofolie ohne Kaschierung, sagt Geschäftsführer Manfred Wulf. «Sie schützt unsere Kartoffel-Tiefkühlprodukte optimal und ist so beschaffen, dass die Verbraucher beim Anfassen trotz verringerter Folienstärke weiterhin das gewohnte Gefühl von höchster Wertigkeit spüren.» Eine weitere Innovation seien Faltschachtelverpackungen für die Kartoffelpuffer des Unternehmens. «Diese kommen ohne die sonst übliche Kunststoffbeschichtung aus», erklärt Wulf.

Förderung von Alternativen

Auf dem Rückzug ist zudem die Aluschale für Fisch-Fertiggerichte. Auf diese verzichtet etwa Frosta bereits seit 2013. Auch Iglo bietet seine Schlemmer-Filets seit 2020 in einer «echten» Pappschale an. Da das Unternehmen seit Jahren hauptsächlich Faltschachteln aus Papier als Produktverpackung einsetze, seien aktuell bereits 85 Prozent der Verpackungen papierbasiert.

Von Beginn an umweltfreundlich hat das Start-Up Little Lunch seine Suppen und Saucen im Glas angeboten. «Mit den Glasverpackungen zeigen wir, dass sich selbst als Start-up im Convenience-Segment Nachhaltigkeit grossschreiben lässt», sagen die Geschäftsführer Denis und Daniel Gibisch. Glas bestehe ausschliesslich aus natürlichen Rohstoffen, die nahezu unbegrenzt in der Natur vorkommen, und sei dadurch zu 100 Prozent recycelbar. «Ausserdem geniessen Glasverpackungen das Vertrauen der Verbraucher und strahlen hohe Wertigkeit aus», haben die Gründer beobachtet.

Nachhaltige Verpackungslösungen sind auch beim Transport gefordert: Little Lunch verwendet etwa beim Versand der Bestellungen in der Regel Kartons ohne Füllmaterial. Bei grossen Bestellungen bestehe das Füllmaterial aus wiederverwerteten Altkartonagen: «Zerkleinert werden sie als hochwertige, reissfeste und staubfreie Polsterkissen genutzt», erklären Denis und Daniel Gibisch.

Auch Nestlé verwendet für den sicheren Transport Schrumpffolie mit 50 Prozent Recyclinganteil. Beim direkten Lebensmittelkontakt gebe es jedoch Herausforderungen: «Recycelte Kunststoffe haben häufig nicht die Qualität, um Lebensmittel sicher zu verpacken. Material, das dafür geeignet ist, gibt es nur in sehr geringen Mengen», sagt Christoph Anderl, Leiter der Verpackungstechnik bei Maggi. Um Verpackungs-Innovationen weiter zu beschleunigen, wolle das Unternehmen – neben der eigenen Forschung – mit 250 Millionen Schweizer Franken Start-ups fördern, die alternative Materialien, Nachfüllsysteme und Recycling-Lösungen entwickeln.

Wichtig sei zudem Verbrauchern Hinweise für die korrekte Entsorgung zu geben, sagt Anderl. Auf der 5-Minuten-Terrine von Maggi befänden sich etwa inzwischen Verwertungshinweise. Zudem werde ein einheitliches Material für Becher und Etikett verwendet. «Das verbessert die Recyclingfähigkeit und hilft die Verpackungen im Recyclingstrom noch besser zu erkennen und zu verwerten.»

Drei Fragen an

Hinnerk Ehlers, Vorstand Marketing, Vertrieb und Personal bei Frosta

Herr Ehlers, seit Ende 2019 bietet Frosta Tiefkühlware im Papierbeutel an. Wie ist das möglich?
Die neue Beutelverpackung besteht aus ungebleichtem und ungestrichenem Papier aus nachhaltiger, FSC‐zertifizierter Forstwirtschaft. Durch eine rein physikalische Bearbeitung des Papiers wird eine wirksame Barriere gegen Fett und Feuchtigkeit hergestellt. Wir haben dieses Verfahren selbst entwickelt und zum Patent angemeldet.

Wie umweltfreundlich ist diese Verpackung?
Die bewusst sparsame Bedruckung erfolgt ausschliesslich mit wasserbasierten Farben. Dadurch kann der Beutel im Altpapier entsorgt und problemlos recycelt werden.

Ein brauner Papierbeutel – nehmen Sie damit bewusst Abschied von üblichen Hochglanzoptik der Markenartikler?
Durch das neue Material bekommen unsere Tiefkühlbeutel ein völlig neues Erscheinungsbild. Auf dem ungebleichten Papier sehen die Produktfotos nicht mehr so brillant aus wie vorher. Aber das nehmen wir der Umwelt zuliebe gerne in Kauf.

 

Info

Kunststoff und Verpackung
Mit Reyclingquoten von bis zu 50 Prozent gilt Deutschland als einer der Spitzenreiter in der EU beim Kunststoffrecycling. Allerdings bezieht sich diese Zahl nur auf die Menge der bei Recyclingunternehmen angelieferten Kunststoffe. ­Tatsächlich wiederverwertet würden nur 16 %, so Angaben des «Plas­tikatlas Deutschland», einer Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung und des BUND.

In Österreich liegt die Recyclingquote von Kunststoff laut österreichischem Umweltbundesamt bei 34 %. In der Schweiz werden nach Angaben des Branchenverbands Plastics Europe 25 % der Kunststoffverpackungen recycelt.

Laut YouGov wählen 72 % der Deutschen beim Einkauf bevorzugt Produkte, die möglichst wenig Verpackungsmüll verursachen. Vor allem Älteren sei es ein Anliegen, Müll bereits bei der Produktauswahl im Supermarkt zu vermeiden (Zustimmung von 81 % in der ­Altersgruppe 60+). Jüngere Verbraucher achten weniger auf den Verpackungsmüll (Zustimmung von 62 % bei den 18- bis 29-Jährigen).

In der Schweiz gaben 41 % der Befragten bei einer Online-Umfrage an, bei der Verwendung von Plastik ein schlechtes Gewissen zu haben, heisst es bei Statista. Zudem möchten 23 % der Befragten kaum noch Plastik verwenden.

In Österreich wählen 22 % der Verbraucher bevorzugt Supermärkte aus, die umweltfreundliche Verpackungen anbieten, für weitere 58 % ist ­dies vorstellbar. So lautet das Ergebnis einer Studie von Market Institut. Zudem seien 15 % der Konsumenten bereit, mehr für Produkte zu bezahlen, die in plastikfreien Verpackungen verkauft werden.

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Die «Geniesser Kroketten» sind laut Hersteller aussen knusprig und innen kartoffelig-weich.